Junge Frau mit Kopfschmerzen (Foto: dpa)

Hochsensibilität: Begabung oder Belastung?

Thomas Braun   18.06.2017 | 09:55 Uhr

Zu laut, zu eng oder zu hektisch: Manchen Menschen wird es schnell zu viel, wenn um sie herum viel Treiben ist. Sie beschreiben sich als hochsensibel. In Saarbrücken gibt es seit einigen Wochen eine Selbsthilfegruppe für Betroffene. Die psychologische Forschung dazu steckt noch in den Kinderschuhen.

Schon in ihrer Kindheit mochte es Ashuja Claudia Verhoeven eher ruhig. "Wenn ein Kindergeburtstag sehr, sehr laut war mit vielen aktiven Kindern, dann war ich am Tag danach krank", erinnert sich die heute 52-Jährige. Oft war sie gerne alleine in der Natur. Extreme Lautstärke bereitet ihr noch heute körperliche Schmerzen, auch Gerüche habe sie seit jeher sehr intensiv wahrgenommen.

Diese extreme Sensibilität - für Verhoeven war es früher eine Belastung: "Ich war oft sehr zittrig, hatte keinerlei Nerven." Erst als sie mit dem Meditieren begonnen hat, ging es ihr besser. Was mit ihr los sein könnte, hat sie erst Jahre später erfahren, als sie ein Buch von Elaine Aron geschenkt bekam. Die US-Psychologin hatte das Phänomen, dass einige Menschen Sinneseindrücke sehr viel intensiver wahrnehmen als andere, erstmals in den 90er Jahren benannt. Sie prägte dafür den Ausdruck "Highly Sensitive Persons" - HSP; zu deutsch: "hochsensible/ höchst empfindliche Personen". Unter anderem entwickelte sie einen Fragebogen, mit dem Betroffene sich selbst einschätzen können.

Drei Faktoren beschreiben Hochsensibilität

Wer im Internet nach Hochsensibilität oder HSP sucht, findet mittlerweile viele Ergebnisse: private Seiten, Artikel in regionalen und überregionalen Medien und einen Wikipedia-Eintrag. Die fundierte wissenschaftliche Forschung dazu steckt allerdings noch in den Kinderschuhen. Eine der Vorreiterinnen auf diesem Gebiet in Deutschland ist Dr. Sandra Konrad von der Helmut Schmidt Universität in Hamburg. Sie hat unter anderem eine deutschsprachige Version des Fragebogens von Elaine Aron entwickelt und mit dessen Hilfe mehrere Kriterien herausgearbeitet, die dieses psychologische Konstrukt beschreiben.

Aktuelle Studien

Derzeit laufen an der Helmut-Schmidt-Universität weitere Studien von Dr. Konrad zum Thema Sensibilität. Eine Teilnahme ist über einen Onlinefragebogen möglich.

"Wir haben drei Faktoren gefunden, die untereinander sehr hohe Zusammenhänge aufweisen", erklärt Konrad, die im wissenschaftlichen Kontext eher von "sensory-processing-sensitivity" spricht, statt von Hochsensibilität. "Das ist zum einen die leichte Erregbarkeit. Dann gibt es den zweiten Faktor, die ästhetische Sensitivität." Damit ist etwa eine sehr feine Wahrnehmung für unterschwellige Dinge in der Umgebung gemeint. Zudem verarbeiten Betroffene Eindrücke stärker und reflektieren sie auch mehr. "Der dritte Faktor ist die niedrige sensorische Reizschwelle, zum Beispiel Lärm, Geräusche oder Gerüche - also Dinge, die ein Stück weit objektiv sind." Hinzu komme bei vielen eine gewisse Verhaltenshemmung oder -vermeidung - ähnlich wie bei Ashuja Verhoeven, die sich gerne zurückzog, wenn es ihr zu laut und hektisch wurde.

Leben umstellen kann helfen

Ob Hochsensibilität wirklich ein eigenständiges psychologisches Konstrukt ist - ganz sicher ist sich Konrad nach ihrer bisherigen Forschung nicht. Aber: "Auch wenn es in der Wissenschaft noch nicht hundertprozentig bestätigt ist, würde ich es nicht abtun." Denn viele hätten ein richtiges Aha-Erlebnis, wenn sie das erste Mal von ihrer möglichen Hochsensibilität erfahren. Ihnen fielen nicht nur Steine, sondern regelrechte "Gebirgsketten" vom Herz. "Die Betroffenen profitieren davon, wenn sie ihr Leben umstellen und stärker darauf eingehen."

Feines Gespür für Stimmungen

Dabei müssen es gar nicht die großen Veränderungen sein: "Es hat etwas mit Achtsamkeit zu tun, dass ich stärker wahrnehme, was jetzt wirklich gut für mich ist", sagt Konrad. "Vielen hilft auch Meditation, so dass sie wieder zu einem ausgeglicheneren Leben zurückfinden." So wie bei der Ashuja Verhoeven. Sie beschreibt sich selbst als viel entspannter, seit sie meditiert. Und heute sieht sie HSP nicht nur als Belastung, sondern auch als Begabung. Denn neben der stärkeren Wahrnehmung etwa von Geräuschen und Gerüchen habe sie auch ein viel feineres Gespür für Stimmungen und Empfindungen. So spüre sie beispielsweise direkt, wenn sie einen Raum betrete, ob zwischen den Personen dort vorher ein Streit stattgefunden hat.

Ihre Erfahrungen will sie auch an andere Betroffene weitergeben und hat deshalb Mitte Mai in Saarbrücken die Selbsthilfegruppe Hochsensibilität gegründet. Alle zwei Wochen mittwochs finden die Treffen in den Räumen der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe im Saarland (KISS) in Saarbrücken statt. Die nächste Runde ist für den 28. Juni um 18.00 Uhr in der Futterstraße 27 in Saarbrücken geplant. Bei der Kontaktstelle selbst gibt es auch Informationen zu weiteren Selbsthilfegruppen.

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