Ein Mann schreibt am Computer (Foto: dpa/Thomas Eisenhuth)

„Einen fehlerfreien Text gibt es nicht“

Lisa Betzholz   12.08.2017 | 08:38 Uhr

Ruven Karr macht das, was die wenigsten von uns gerne machen: Er korrigiert und schreibt Texte für andere. Er ist Lektor und Ghostwriter. Seine Botschaft an uns: Den perfekten, fehlerfreien Text gibt es nicht.

„Damit kann ich mich auch selbstständig machen.“ Diesen Gedanken hatte Ruven Karr 2014, als er für eine Werbeagentur Texte schrieb. Das Schreiben an sich machte ihm großen Spaß. Die Arbeitsatmosphäre in der Werbeagentur hingegen fand er einfach nur schrecklich. Damit fing seine berufliche Laufbahn als Lektor und Ghostwriter an.

Ruven Karr (Foto: Lisa Betzholz)
Ruven Karr

„Ich habe lange gesucht, bis ich wusste, was ich wirklich machen will. Als Lektor bin ich jetzt zufrieden.“ Karr hat an der Saar-Uni Germanistik und Literaturwissenschaften studiert, es folgte die Promotion. Seine Firma „Karrektur“ hat er vor zwei Jahren gegründet. „Zuerst habe ich das nur nebenberuflich gemacht und noch halbtags in einem Nachhilfezentrum gearbeitet. Erst seit diesem Jahr arbeite ich hauptberuflich als Lektor.“ Mittlerweile ist er auch nicht mehr alleine. Fünf freie Mitarbeiter beschäftigt er derzeit über seine Firma.

Viel Lektoring, wenig Ghostwriting

Sein Arbeitsalltag sieht so aus: Jeden Morgen ab 7.00 Uhr setzt er sich vor seinen PC und fängt an, Texte zu überprüfen. Als Lektor heißt das, dass er nicht nur auf Rechtschreibung und Grammatik achtet, sondern auch auf Sinnzusammenhänge, Gliederung und Inhalt.

Wenn ihm etwas auffällt, fügt er ein Kommentarfeld ein oder korrigiert den Text direkt. So kann der Kunde seine Änderungen am besten nachvollziehen. „Das mache ich etwa fünf bis sechs Stunden lang. Länger würde ich das auch keinem empfehlen, weil dann die Konzentration nachlässt.“ Wenn der Text vollständig überarbeitet ist, schickt er ihn an den Kunden zurück. Die Preise pro Normseite variieren von 2,50 € für Studenten bis zu 8,00 € und mehr für ein aufwendiges Lektorat für Privatpersonen und Unternehmen.

Aber Ruven Karr ist nicht nur Lektor, sondern auch Ghostwriter. Was vielleicht besonders spannend klingt, ist in der Realität aber eher unspektakulär. „Ghostwriting hat nichts mit der romantischen Vorstellung zu tun, die manche Leute vielleicht von dem Film mit Ewan McGregor im Kopf haben“, sagt er lachend. „Ghostwriting mache ich tatsächlich nur sehr, sehr selten. Und wenn, schreibe ich vielleicht mal ein Vorwort für ein Buch.“ Biografien oder gar Memoiren hat er bisher keine geschrieben.


Beispiele für Lektoratsarbeit

Mitnichten hat die Nase meiner Wirtin geblutet, an deren Namen Eulalia sie die Güte hatte sich zu erinnern. ( Anmerkung von Ruven Karr: Mir erschließt sich der Zusammenhang zwischen der Wirtin, deren Nasenbluten und dem Unfall/Zeugenbericht nicht.) Mich hingegen hatte die Polizei morgens gebeten, meine Beobachtungen als Zeuge zu Protokoll zu geben. Denn in der Nähe meiner Wohnung, die direkt beim Bahnhof liegt, hatte sich ein Verkehrsunfall ereignet: Ein Auto, das auf der über die Gleise führenden Straße entlangkam, stieß mit einem Fahrrad zusammen, dessen Fahrer eine graue, vielfach geflickte Jacke trug.
Die Klarstellung des Gesetzes (Anmerkung von Ruven Karr: Was heißt hier „Klarstellung“? Dass das Gesetz geändert bzw. klarer formuliert wurde?) betont seit dem 1. September 2009 (Anmerkung von Ruven Karr: Heißt das, dass die mutmaßliche Gesetzesänderung an diesem Tag in Kraft trat?) die Möglichkeit zur Willensäußerung (Anmerkung von Ruven Karr: Wessen Wille? Des Patienten?) für den Fall der Einwilligungsfähigkeit durch eine Patientenverfügung (Anmerkung von Ruven Karr: Auch hier: Ist die Einwilligungsfähigkeit des Patienten gemeint? Und was soll mit „Einwilligungsfähigkeit durch “ gemeint sein? Es wird an dieser Stelle nicht klar, in welcher logisch-semantischen Beziehung die Patientenverfügung zur Einwilligungsfähigkeit steht. Ich vermute, hier ist gemeint, dass der Patient durch die Verfügung festlegt, was im Falle seiner Un fähigkeit zur Einwilligung geschehen soll. Bei einem solchen Satz müsste man natürlich den Kontext kennen, in dem er steht.).

Kein akademisches Ghostwriting

Aber wie sieht es denn mit dem akademischen Ghostwriting aus, dem heimlichen Wunsch eines jeden geplagten Studenten? „Das mache ich nicht.“ Karr schüttelt entschieden den Kopf. „Das ist Ehrensache. Ich werde zwar immer wieder von Studenten angefragt, aber ich lehne das ab. Ich hätte da nicht nur moralische Skrupel, sondern auch ehrlich gesagt keine Lust zu – egal für wie viel Geld.“  

Auch ohne akademisches Ghostwriting kann Ruven Karr mittlerweile gut von seiner Arbeit leben. „Im Schnitt habe ich 15 Aufträge im Monat. Das kann ich je nach Auftrag nicht mehr alles alleine bewältigen. Da ist es schon gut, dass ich Sachen abgeben kann,“ sagt Karr und grinst dabei. Später gibt er spitzbübisch zu, dass es auch Texte gibt, die ihm keinen Spaß machen. Die meisten seiner Aufträge kommen von Studenten, genauer von BWL-Studenten. Aber auch Zeitschriften, Verlage und Werbefirmen nehmen seine Dienste in Anspruch.

„Lektor kann jeder werden“

Im Prinzip kann jeder Lektor oder Ghostwriter werden, weil der Beruf keine besondere Ausbildung erfordert und die Berufsbezeichnung nicht geschützt ist. Aber Leidenschaft für Sprache und Textsicherheit sollte man schon mitbringen. „Ich war schon immer ein großer Fan von Literatur und Sprache und finde es spannend damit zu arbeiten.“ Außerdem reizt Karr, dass er sein eigener Herr ist. „Ich muss niemandem Rechenschaft ablegen und kann, dank Internet, arbeiten wo ich will.“

Ruven Karr ist überzeugt, dass es seinen Job auch noch in 50 Jahren geben wird: „Egal wie gut eine Korrektursoftware auch ist, sie wird nie das Sprachgefühl eines Menschen haben. Und den fehlerfreien Text gibt es sowieso nicht.“ Diese Aussage ist schon fast ironisch. Macht diese Erkenntnis nicht den Beruf des Lektors per se obsolet? Karr schaut in die Ferne, denkt nach. „Nein, weil wir trotzdem alles geben werden, um einen Text so perfekt wie möglich zu machen.“

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