Mit welcher Strategie befriedigen wir unsere Bedürfnisse? (Foto: Lisa Krauser)

Gewaltfreie Kommunikation - Werkzeug fürs Leben

Lisa Krauser   02.12.2017 | 08:27 Uhr

Ohne Gewalt kommunizieren – tun wir fast alle. Zumindest glauben wir das. Denn die wenigsten von uns schlagen sich im Gespräch mit anderen die Köpfe ein. Doch auch wenn wir keine physische Gewalt anwenden, ist unsere Kommunikation alles andere als gewaltfrei.

Samstagmorgen 10.00 Uhr. Ein Seminarraum in der Mainzer Straße in Saarbrücken. Mit geschlossenen Augen sitze ich gemeinsam mit fünf anderen Frauen in einem Stuhlkreis. Eine der Frauen ist Christine Wanjura. Sie ist Deutschförderlehrerin und zertifizierte Trainerin für Gewaltfreie Kommunikation. Sie leitet den heutigen Kurs. Bevor es richtig losgeht, machen wir eine kleine Meditation zum Ankommen. Wirklich abschalten kann ich dabei nicht. Ich bin zu gespannt, was mich gleich erwartet.

In den vergangenen Monaten war ich öfter über das Konzept der Gewaltfreien Kommunikation, kurz GFK, gestolpert. Laut GFK verbirgt sich in unserer alltäglichen Kommunikation ziemlich viel Gewalt. Was sich aber ändern ließe. Diese These fand ich spannend. So richtig greifen konnte ich das Konzept aber nicht. Also suchte ich einen Kurs im Saarland.

Einfach nur zuhören, ohne zu bewerten

Nach der 20-minütigen Meditation geht es los. In der ersten Übung geht es um das „aktive Zuhören“, einen wichtigen Aspekt der Gewaltfreien Kommunikation. Wir bilden Zweierteams. Ich gehe mit Kursleiterin Christine zusammen. Sie schlägt einen Gong. Ab jetzt soll ich fünf Minuten erzählen, was mich gerade beschäftigt. Christine hört zu. Ich erzähle, dass meine beste Freundin gerade zu Besuch ist. Dass mich das freut. Wir sehen uns selten. Nach etwa 30 Sekunden stoppt mich Christine.

Christine Wanjura gibt in Saarbrücken GFK-Kurse (Foto: Lisa Krauser )
Christine Wanjura gibt in Saarbrücken GFK-Kurse

Dann wiederholt sie genau das, was ich gerade erzählt habe. Als sie fertig ist, rede ich wieder weiter. Christine wiederholt. Nach fünf Minuten schlägt sie den Gong. Jetzt wird gewechselt. Ich bin überrascht, welche Wirkung die Übung auf mich hat. Dass Christine meine Aussagen nicht kommentiert, sondern einfach nur wiederholt, fühlt sich gut an. So, als würde sie mich richtig verstehen.

Als wir wieder alle gemeinsam im Stuhlkreis sitzen, erklärt Christine, was hinter der Übung steckt. „Beim aktiven Zuhören parkt mein Gegenüber seine eigenen Gedanken zu dem, was ich ihm erzähle. Er oder sie hört einfach nur zu. Ohne zu bewerten. Das ist ein regelrechtes Geschenk.“ Natürlich sei das erstmal ungewohnt. „Draußen funktionieren wir anders. Da bewerten wir ständig. Und dieses ständige Bewerten, das ist Gewalt.“

Hinter allem, was wir tun, stehen Bedürfnisse

Monika, eine der vier Teilnehmerinnen, nickt. Sie erzählt, dass sie auf GFK aufmerksam wurde, nachdem sie vor zwei Jahren ein Burnout im Beruf hatte. „Da habe ich mich selbst reflektiert und gemerkt, dass ich unheimlich oft Leute unterbreche und sehr schnell dabei bin, zu bewerten.“ Seit Februar treffen sich Monika und ihre GFK-Kolleginnen etwa einmal im Monat. „Es hilft mir unglaublich, im Beruflichen wie im Privaten", sagt Monika.

Bei der zweiten Übung legt die Kursleiterin viele kleine Kärtchen auf den Boden. Darauf stehen Bedürfnisse wie Zugehörigkeit, Lebenslust, Anerkennung, Bewegung oder Liebe. „Hinter allem, was wir tun und sagen, stehen Bedürfnisse. Sie sind das, was uns antreibt. Da gehören auch Bedürfnisse dazu, an die wir erst mal gar nicht denken, zum Beispiel das Bedürfnis, gehört oder gesehen zu werden“, erklärt Christine.

Gewaltfreie Kommunikation

Das Konzept der Gewaltfreien Kommunikation wurde in den 70ern von dem Amerikaner Marshall Rosenberg entwickelt. Es zielt darauf ab, eine wertschätzende Verbindung zwischen Menschen aufzubauen und dadurch mehr Kooperation und Kreativität zu ermöglichen. Rosenberg wendete GFK unter anderem in Krisengebieten wie Ruanda, Palästina und Serbien an. GFK wird auch wertschätzende Kommunikation oder Sprache des Herzens genannt.

Jede von uns nimmt sich eine Bedürfniskarte und erzählt einer anderen Teilnehmerin, was sie konkret tut, um sich dieses Bedürfnis zu erfüllen. Dörthe hat sich das Bedürfnis „Kreativität“ rausgesucht. Sie erzählt mir von ihrer Strategie: „Ich habe einen Beruf gewählt, in dem ich sehr kreativ sein kann. Wenn kreative Aufgaben anstehen, kommen meine Kollegen oft zu mir. Das ist sehr schön.“

Christine erklärt den Sinn der Übung. „Hier geht es vor allem um Selbstreflektion. Du machst dir bewusst, wie du deine Bedürfnisse lebst. Vielleicht merkst du auch, dass du für ein bestimmtes Bedürfnis noch gar keine Strategie hast. Dann besteht die Chance, dass du dir eine suchst.“

Das Ergebnis war phänomenal. Ohne GFK hätten wir uns gestritten.

Teilnehmerin Gabi erklärt mir, was die Bedürfnis-Übung mit unserer Kommunikation im Alltag zu tun hat. „Letzten Sonntag war ich ziemlich sauer, weil ich das schöne Wetter bei einem Spaziergang genießen wollte. Mein Mann lag aber seit Stunden auf dem Sofa. Ich fing an zu köcheln. Dann habe ich mich gefragt, was mein Bedürfnis ist. Ich wollte rausgehen und zwar mit ihm. Und dann dachte ich mir, dass er offensichtlich gerade ein ganz anderes Bedürfnis hat, nämlich sich auszuruhen. Dann habe ich zu ihm gesagt, ich weiß, du hattest eine anstrengende Woche und genießt es jetzt, mal nichts zu tun. Aber ich hätte solche Lust, mit dir spazieren zu gehen. Mit einer Stunde wäre ich schon zufrieden. Was meinst du?“

Gabi strahlt: „Das Ergebnis war phänomenal! Er ist ohne Murren mit mir spazieren gegangen. Wenn ich nicht kurz innegehalten und unsere Bedürfnisse abgefragt hätte, wäre es sicher nicht so erfolgreich gelaufen. Dann hätte ich ihn angemotzt und wir hätten uns gestritten.“

Wenn ein Kollege etwas in vorwurfsvollem Ton zu dir sagt, dann hat das nichts mit dir zu tun.

GFK-Trainerin Christine erläutert mir das Konzept noch an einem anderen Beispiel. „Wir neigen dazu, vieles in unserem Alltag persönlich zu nehmen. Aber das müssen wir gar nicht. Wenn ein Kollege etwas in vorwurfsvollem oder unfreundlichem Ton zu dir sagt, dann hat das nichts mit dir zu tun, sondern mit seinem Bedürfnis.“ Ich selbst sei dabei nur der Auslöser, nicht aber die Ursache. "Wenn du das realisierst, kannst du viel entspannter mit solchen Situationen umgehen.“

Effektives Werkzeug fürs Leben

Nach gut zwei Stunden verabschiede ich mich von Christine und ihrer GFK-Gruppe. Mein Kopf brummt. Eine Frage habe ich aber noch: Was ist GFK für euch in einem Satz? Ich bekomme fünf unterschiedliche Antworten. Am besten gefällt mir Evas Antwort: „Ein unheimlich effektives Werkzeug mit sämtlichen Situationen, die das Leben einem bietet, besser, offener und klärender umzugehen.“


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