Ein Mann hält getrocknete Cannabisblüten in der Hand. (Foto: dpa)

Cannabis-Rezept: Wenn die Kasse doch nicht zahlt

Dietmar Schellin / Onlinefassung: Kai Forst   13.06.2017 | 20:43 Uhr

Seit März dieses Jahres gibt es für schwer schmerzgeplagte Menschen eine große Hoffnung. Sie können Cannabis auf Rezept in der Apotheke erhalten. Die Kosten müssen die Kassen übernehmen. Doch die Realität sieht offenbar anders aus. Ein Palliativ-Mediziner des saarländischen Uni-Klinikums führt das auf mangelndes Fachwissen der Beteiligten zurück.

Seit 100 Tagen dürfen Ärzte Cannabis verschreiben. Die Kassen müssen dafür aufkommen, so steht es im Sozialgesetzbuch fünf. Die Praxis sieht allerdings anders aus: Nicht selten weigern sich die Kassen, wie die Beispiele zweier saarländischer Cannabis-Patienten zeigen. „Es gibt viele ablehnende Bescheide auch von schwer kranken Leuten, da reden wir von Palliativfällen, von Krebspatienten. Und das kann nicht sein“, sagt etwa Christian S. Auch bei Pascal S. gibt es Probleme. Erst sagte die Kasse zu, die Kosten zu übernehmen. Dann der Rückzieher durch den  Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK). „Es ist unglaublich. Die Therapie schlägt so gut an, und jetzt kommt die Krankenkasse und meint, der MDK hätte einen Fehler gemacht, einen Schreibfehler.“

Video [aktueller bericht, 13.06.2017, Länge: 3:31 Min.]
100 Tage nach Unterzeichnung des Cannabis-Gesetzes

"Der MDK hat keine Ahnung"

Professor Sven Gottschling, Leiter des Zentrums für Palliativmedizin und Kinderschmerztherapie des Uniklinikums des Saarlandes, hat jahrelange Erfahrung in der Erforschung von Cannabis-Medikamenten und der Schmerzbehandlung. Für ihn hapert es vor allem am fehlenden Fachwissen der Beteiligten. Demnach kennen sich zu wenige Ärzte mit Schmerzbehandlung aus. Auch beim Medizinischen Dienst der Krankenversicherung klaffen offenbar enorme Wissenslücken. „Der MDK, auch die Mitarbeiter, die diese Gutachten verfassen müssen, haben keine Ahnung. Man liest das auch aus den Gutachten. Da sitze ich am Schreibtisch und muss laut lachen, weil ich feststelle: keine Ahnung“, so das harte Urteil des Palliativ-Mediziners.

Kassen bezweifeln Wirksamkeit von Cannabis

SR 2 - "Ein extrem sicheres Medikament"
Audio [SR 2, 19.01.2017, Länge: 04:26 Min.]
SR 2 - "Ein extrem sicheres Medikament"

Immer wieder kommt es vor, dass Kassen ihre Zusage befristen. Das geht gegen das Gesetz. Schon Mitte März, kurz nachdem das neue Gesetz wirksam wurde, hatten die Kassen ihren Unwillen deutlich gemacht. „Für den dauer- und regelhaften Leistungsanspruch in der gesetzlichen Krankenversicherung fehlt der Nachweis der Wirksamkeit“, sagte damals ein Sprecher des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenversicherung.

Für die Piratenpartei nicht nachvollziehbar. Viele Krankenkassen bezahlten homöopathische Medikamente, für die bisher kein Beleg der Wirksamkeit existiere, sagt der Landesverband Baden Württemberg. Die therapeutische Wirkung von Cannabis sei hingegen gut erforscht und wissenschaftlich nachgewiesen. Schwerkranke Menschen seien darauf angewiesen, um ihren Alltag bewältigen zu können.

Artikel mit anderen teilen