Schüler lernen mit Tablet-Computern in einem digitalen Klassenzimmer.  (Foto: dpa/Julian Stratenschulte)

Gymnasium 4.0 in Grand Est angelaufen

Marc-André Kruppa   07.12.2017 | 16:52 Uhr

Das digitale Klassenzimmer – ein Experiment, das die Region Grand Est in Frankreich in diesem Schuljahr mit rund 50 Gymnasien ausprobiert. Die Schulen erhalten freies W-LAN in allen Klassenräumen und Tablets für jeden Schüler. Die Pilotprojekte wie am Berufsgymnasium Pierre-et-Marie-Curie in Freyming-Merlebach sollen zunächst zeigen, wie das sogenannte „Gymnasium 4.0“ ankommt und was noch verbessert werden kann.

„Wenn die Schüler später einmal in einer Bank oder einem Unternehmen arbeiten, ist der Umgang mit Tablet oder Laptop ganz normal. Und je früher wir sie auf das professionelle Arbeiten mit diesen Geräten vorbereiten, desto besser“, findet Schulleiter Philippe Nehlig.

Die Berufsschule will dabei nicht komplett auf den manuellen Unterricht verzichten. Das Tablet soll einfach ein nützliches Hilfsmittel sein. So können die Lehrer im Deutschunterricht beispielsweise jedem Schüler einen Videoclip auf ihre persönlichen Laptops oder Smartphones spielen, anstatt gemeinsam vor dem Fernseher zu sitzen und die Inhalte zu besprechen. Die Schüler bekommen ihre Texte als PDF-Datei zugespielt und können ihre Geräte auch zu Hause nutzen. Die meisten Lehrer in Freyming-Merlebach sehen das als große Arbeitserleichterung an.

Internetverbindung bereitet noch Probleme

Audio [Audio [SR 1, Marc-André Kruppa, 07.12.2017, Länge: 02:29 Min.]
Gymnasium 4.0 in Frankreich

Auch für Joanne, die sich auf den Bereich Gastronomie spezialisiert, ist das Projekt im wahrsten Sinne des Wortes eine Erleichterung: „Der Rucksack fühlt sich gleich drei Kilo leichter an, das ist schon deutlich angenehmer als früher, wo wir noch die ganzen Bücher mitschleppen mussten.“ Ganz zufrieden mit der neuen digitalen Ausstattung ist die 16-Jährige aber noch nicht: „Die WLAN-Verbindung ist noch nicht wirklich top. Manchmal gehe ich über mein mobiles Internet auf dem Smartphone online, weil es da schneller geht als mit dem WLAN, was wir hier an der Schule haben.“

Die langsame Internetverbindung am Gymnasium in Freyming-Merlebach ist ein Manko, das mit Beginn des Projekts auffiel. Die Region Grand Est lässt deshalb aufrüsten. Da die aktuelle Leistung nicht ausreicht, wenn alle 450 Schüler gleichzeitig online sind, soll die Geschwindigkeit des kabellosen Internets verdoppelt werden.

WLAN verleitet zum Zocken

„Auch das hat natürlich Grenzen“, merkt Schulleiter Nehlig an. Denn häufig beobachten die Lehrer, dass ihre Schüler bei jeder sich bietenden Gelegenheit, sei es in den Pausen oder während des Unterrichts, auch bei Netflix, YouTube oder Facebook online sind. Je besser also die Verbindung, desto größer die Verlockung, im Netz Videos zu streamen oder zu chatten. Durch das digitale Lernen müssen die Lehrer jetzt aber auch nicht mehr an der Tafel vor der Klasse stehen, sondern können mit ihrem Tablet in der Hand von Tisch zu Tisch gehen und bei Bedarf leichter kontrollieren, wo ihre Schüler überall herumsurfen.

Insgesamt sieht die Schulleitung in Freyming-Merlebach das digitale Projekt als Erfolg an. Vor allem, weil niemand auf sein persönliches Tablet verzichten muss. Familien mit wenig Geld erhalten Zuschüsse vom Staat von mehr als 200 Euro und können die verbleibenden Kosten in mehreren Raten zahlen. Somit soll gewährleistet werden, dass auch wirklich alle Schüler gleich ausgestattet ist. In Grand Est hofft man, dass nach und nach auch Schulen in anderen Regionen umgerüstet werden.

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