Terrasse eines Einfamilienhauses (Foto: imago/Westend61)

Mein Haus, mein Auto, meine CDU - eine Wahlanalyse

Thomas Braun   28.03.2017 | 12:55 Uhr

Vielen Saarländern geht es gut: Sie beurteilen die wirtschaftliche Lage positiv, sind zufrieden mit ihrer Regierung und schätzen ihre Ministerpräsidentin sehr. Das hat sich auch im Wahlergebnis niedergeschlagen. Insbesondere im Nordsaarland, wo die Arbeitslosigkeit niedrig und die Eigenheimquote hoch ist, sammelte die CDU ihre Stimmen. In den sozialen Brennpunkten des Landes zeigt sich beim Wahlergebnis jedoch ein gänzlich anderes Bild.

Die Linke mit 27,6 Prozent stärkste Kraft vor SPD und CDU, die AfD mit 11,5 Prozent zweistellig und die NPD nur knapp an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert: So sieht das Abstimmverhalten der 430 Wähler im Burbacher Bürgerhaus bei der Landtagswahl 2017 aus. Die Wahlbeteiligung lag bei mageren 28 Prozent.

Hartz-IV-Quote bei 40 Prozent

Die Bürger in Burbach haben, sofern sie überhaupt zur Wahl gegangen sind, für einen Wechsel gestimmt. Und zwar deutlich. Die soziale Lage in Burbach unterscheidet sich aber auch deutlich von der in vielen anderen, insbesondere ländlichen Teilen des Saarlandes. Während die Arbeitslosigkeit im Nordsaarland gering ist, gehört sie in Burbach zum Alltag. 40 Prozent der unter 65-jährigen Bevölkerung in dem Saarbrücker Stadtbezirk sind auf Hartz IV angewiesen, auch die Zahl der armen Rentner liegt vier bis fünf Mal höher als in anderen Stadtteilen. Zudem hat Burbach eine der höchsten Kriminalitätsraten saarlandweit. Dass es in Deutschland sozial gerecht zugeht, wie immerhin 60 Prozent der Saarländer laut einer Infratest-dimap-Umfrage empfinden, dürften in Burbach wohl nur die Wenigsten unterschreiben.

Was sich im Kleinen in Burbach zeigt, wiederholt sich im ganzen Land: Die Linkspartei, die sich selbst als einzig wahre soziale Protestpartei in Deutschland bezeichnet, versammelte dort Wähler hinter sich, wo die soziale Not vergleichsweise hoch ist. In Saarbrücken und Völklingen - beides Städte mit überdurchschnittlich hoher Arbeitslosigkeit - holten die Linken ihre besten Ergebnisse. Auch wenn die Partei dort im Vergleich zu 2012 und insbesondere 2009 regelrecht abgestürzt ist, bleiben es die linken Hochburgen.

Kein Platz für zwei Protestparteien

Auch die AfD schnitt in Gemeinden mit höherer Arbeitslosigkeit tendentiell etwas besser ab - wobei sie aber weit hinter der Linkspartei und auch weit hinter den eigenen Erwartungen zurück blieb. Also kein Platz für zwei Protestparteien? Der stellvertretende Bundesvorsitzende der AfD, Alexander Gauland, kommentierte das Ergebnis so: "Wir sind als eine populistische Partei im Saarland einer besonderen Konkurrenz ausgesetzt, das ist die von Oskar Lafontaine. Für den ist das ein Heimspiel", sagte er am Wahlabend. "Das sind Sonderfaktoren, die es uns schwieriger machen als in anderen großen Flächenländern.“

Der "Bouilli-Effekt"

Die AfD kämpfte im Saarland allerdings nicht nur gegen Oskar Lafontaine, sondern auch gegen eine Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer, deren Beliebtheitswerte als Regierungschefin so hoch wie in fast keinem anderem Bundesland sind. Und die zudem mit Klaus Bouillon einen Innenminister an ihrer Seite hat, der ihr in Sachen Beliebtheit in fast nichts nachsteht. Schaut man sich an, wo die CDU die meisten Stimmen gesammelt hat, könnte man statt von einem "AKK-Effekt" auch von einem "Bouilli-Effekt" sprechen. In St. Wendel, wo Klaus Bouillon jahrzehntelang als Bürgermeister regierte, und in den umliegenden Gemeinden schossen die Stimmanteile für die CDU hoch. Sie legte im Vergleich zu 2012 um bis zu 14 Prozentpunkte zu - kommt in einigen Gemeinden auf über 50 Prozent.

Landtagswahl im Saarland 2017
Bouillons Heimat - die CDU-Hochburg
Die CDU hat bei der Landtagswahl im Vergleich zu 2012 in allen saarländischen Gemeinden zulegen können. Besonders stark fiel der Anstieg in der Heimat von Innenminister Klaus Bouillon, St. Wendel, und den umliegenden Gemeinden aus. Hier holten die Christdemokraten jeweils mehr als 50 Prozent der Stimmen.

Nordsaarland fest in CDU-Hand

Aber nicht nur im Kreis St. Wendel, auch im Kreis Merzig-Wadern legte die CDU überall zu. Dass das Wahlergebnis letztlich so deutlich zu Gunsten der CDU ausfiel - daran hat das Nordsaarland großen Anteil. Zum Vergleich: In den beiden nördlichen Kreisen sammelten die Christdemokraten 52.100 Stimmen. In den beiden größten Städten des Saarlandes, Saarbrücken und Neunkirchen, waren es dagegen nur 33.700 Stimmen - obwohl es dort in der Summe 10.000 mehr Wahlberechtigte gibt.

Es gibt aber auch große Unterschiede zwischen den städtischen und ländlichen Regionen im Saarland. Auf dem Land beispielsweisweise ist die Arbeitslosigkeit niedrig. In St. Wendel kommen auf 1000 Einwohner 25 Arbeitslose, in den kleineren Gemeinden liegt die Quote sogar nur bei zwölf oder 15. In Neunkirchen und Saarbrücken ist sie dagegen dreimal so hoch.

Und nirgendwo sonst im Saarland gibt es mehr Eigenheime als in den ländlichen Gemeinden im Norden. Mindestens drei von vier Nordsaarländern leben in den eigenen vier Wänden - oft große, freistehende Einfamilienhäuser. In jeder Garage steht im Schnitt mindestens ein Fahrzeug, die Autodichte ist deutlich höher als im restlichen Land. Das verfügbare Jahreseinkommen pro Einwohner liegt im Kreis St. Wendel fast 5000 Euro über dem Landesschnitt. Andere Lebensverhältnisse und -entwürfe als in den Städten, wo die Kfz-Dichte geringer und die Mehrheit in Mietwohnungen lebt - und letztlich das Wahlverhalten ein anderes war.

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