Was kommt nach der Fußballer-Karriere?

Das Fußball-Camp als letzte Chance

Was vereinslosen Fußballspielern bleibt

Das Interview führte Christian Schwarz   21.01.2016 | 17:08 Uhr

Der Dokumentarfilm „Zweikämpfer“ beschäftigt sich mit der Situation vereinsloser Fußballprofis, die sich während des Sommers in einem Camp der Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VDV) für potenzielle Interessenten fit halten. Einer der porträtierten Spieler ist Christian Mikolajczak, der einst unter anderem für den FC Schalke in der Bundesliga spielte und mehr als 150 Einsätze in der 2. Bundesliga absolviert hat. Im Interview mit SR.de spricht er über seine Erfahrungen in der „Arbeitslosigkeit“.

SR.de: Wie kam es überhaupt dazu, dass Sie in der Dokumentation von Mehdi Benhadji-Djilali mitgemacht haben?

Christian Mikolajczak: Am ersten Tag des VDV-Camps haben wir uns zum ersten Mal gesehen. Wir Spieler wussten danach auch erst mal nur, dass er eine Dokumentation machen möchte. Aber nicht, dass das dann so einen riesigen Hype annimmt. Mehdi hat von vornherein gesagt, dass er zunächst einfach drehen will und wir uns das dann später zusammen anschauen. Dann konnten wir auch sagen, wenn etwas nicht gezeigt werden sollte. Im Endeffekt waren wir uns aber bei allem einig, dass das okay ist.

SR.de: Wie war Ihre Gefühlslage im Camp? Macht man sich da viele Gedanken um die Zukunft?

Christian Mikolajczak: Erst mal eigentlich gar nicht, weil wir froh waren, dass wir überhaupt an dem Camp teilnehmen durften. Da bewerben sich ja einige Spieler mehr darauf. Zum 1. September, wo die Transferperiode endete und die Vereine nur noch Spieler ohne Verein holen konnten, haben wir dann nochmal Hoffnung geschöpft. Gegen Ende des Jahres ist das dann aber natürlich immer weiter in die Ferne gerückt.

SR.de: Und dann war irgendwann ein Punkt erreicht, wo man merkte, dass es das mit der Profikarriere war?

Christian Mikolajczak: Das habe ich gemerkt, als ich im November in das Flugzeug nach Vietnam gestiegen bin, wo ich ein Probetraining absolvieren sollte. Da war mir klar, wenn ich jetzt einsteige, ist Profifußball in Deutschland für mich vorbei. Dann sollte man sich schon mal Gedanken machen, was nach dem Fußball passiert.

SR.de: Eingestiegen sind Sie aber trotzdem. Mit welchem Ziel?

Christian Mikolajczak: Einen Vertrag zu unterschreiben, klar. Aber dort wird sich eben kein deutscher Trainer erkundigen, wie ich gespielt habe. Du bist dann weg aus dem Fokus.

SR.de: Der Film zeigt auch die krassen Unterschiede zwischen dem Fußball und der Lebensweise in Deutschland und Vietnam. Wie empfanden Sie das?

Christian Mikolajczak: Es ist natürlich eine komplett andere Welt, keine Frage. In meinem ersten Hotelzimmer hatte ich gar keine Fenster, sondern nur vier Glassteine, die man nicht öffnen konnte. Auch mit Sachen wie der hohen Luftfeuchtigkeit muss man sich erst mal akklimatisieren. Ungewohnt sind auch Probetrainings mit so vielen Spielern, wie ich sie dort erlebt habe.

SR.de: Zurück zum Camp: Ohne dass ich jemals eine Traineransprache in der Kabine eines Profivereins erlebt habe, wirkte der Ton hier schon sehr hart. Täuscht der Eindruck?

Christian Mikolajczak: In der einen oder anderen Szene war das schon der Fall, aber meistens war das dann zu dem Zeitpunkt auch zu Recht so. Es musste manchen Leuten vor Augen geführt werden, warum sie überhaupt im Camp sind. Sie sind da, weil sie keinen Vertrag unterschrieben haben – entweder weil es nicht reicht oder weil auf ihrer Position gerade nicht gesucht wird. Da muss einem klar werden, dass das Camp die letzte Chance ist, sich nochmal zu beweisen.

SR.de: Trotzdem spielt ja das Selbstvertrauen im Fußball eine wichtige Rolle. Ist diese ganze Situation nicht ausgerechnet dafür schädlich?

Christian Mikolajczak: Ich glaube, es gibt einfach Spieler, die haben Selbstvertrauen, andere nicht. Ich habe immer an meine eigenen Stärken geglaubt und bin damit gut gefahren. Wenn ich Sachen wie Spaß am Fußball oder die Arbeitslosigkeit ausblende und mich darauf konzentriere, warum ich da bin – nämlich einfach um Fußball zu spielen – dann vergesse ich alles andere.

SR.de: Wie hoch war die Fluktuation im Camp? Fanden viele Spieler einen neuen Verein?

Christian Mikolajczak: Ja, das ist sogar oft der Fall. Im Film passiert das ja auch bei Julian Lüttmann und Nico Frommer. Insgesamt ist die Wahrscheinlichkeit schon sehr hoch, dass da Spieler bei Vereinen untergebracht werden.

SR.de: Ist man trotzdem so eine Art Schicksalsgemeinschaft? Vor allem zu Benjamin Schüßler, mit dem Sie ja auch nach Vietnam geflogen sind, scheint eine richtige Freundschaft entstanden zu sein?

Christian Mikolajczak: Benni und ich kannten uns schon länger, auch aus der Jugendnationalmannschaft. Wir hatten schon vorher immer mal Kontakt, aber erst im Camp ist eine richtige Freundschaft daraus geworden. Wir haben dann noch zusammen bei kleineren Vereinen gespielt die letzten Jahre und treffen uns auch momentan immer wieder mal. Das ist dann eben etwas Positives, was man aus dem Camp mitgenommen hat.

SR.de: Nach dem Ende der Profikarriere haben Sie zum Feuerwehrmann umgesattelt. Wie kam es dazu?

Christian Mikolajczak: Als ich nach Vietnam geflogen bin, habe ich mir viele Gedanken gemacht, was ich nach dem Fußball mache. Ich habe etwas gesucht, was in der Art und Weise ähnlich ist. Den Zusammenhalt und die Gemeinschaft habe ich zum Beispiel beim Fußball immer sehr gemocht. Die Feuerwehr ist da eigentlich genauso. Man übt viel zusammen, damit man bei einem Einsatz alles abrufen und Menschenleben retten kann. Eben wie im Fußball - mit dem Unterschied, dass es dabei nur um Punkte geht.

SR.de: Vielen Dank für das Gespräch

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