Filmfestival Max Ophüls Preis 2014 (Foto: K. Forst)

SR-Mitternachttalks am Dienstag

Christian Schwarz   20.01.2016 | 08:31 Uhr

Wie aus den letzten Jahren gewohnt werden auch bei der 37. Auflage des Filmfestivals Max Ophüls Preis die 16 Filme im Langfilmwettbewerb in den SR-Mitternachttalks ausführlich besprochen. Zum Start in neuer Location standen „Eine neue Zeit“, „Desire will set you free“, „Rockabilly Reqiem“ und „Agnes“ auf dem Programm

Lolas Bistro hat einen neuen Standort: Statt in der Garage wird in diesem Jahr im Gloria, dem ehemaligen N8werk, getalkt. Gleich geblieben sind dagegen die Moderatoren der SR-Mitternachttalks und so beschäftigte sich zum Auftakt Kai Schmieding im Gespräch mit Regisseur Christophe Wagner und Schauspieler André Jung mit dem Film „Eine neue Zeit“.

Eine neue Zeit

Rezension
Eine neue Zeit
Der Zweite Weltkrieg hat Spuren bei dem Kriegsrückkehrer Jules hinterlassen. Statt eines ruhigen Lebens in seinem luxemburgischen Heimatdorf, findet er sich schon bald in einer moralischen Zwickmühle und einem Mordfall wieder. Ein feinsinnig erzähltes Nachkriegsdrama, das unbedingt sehenswert ist.

Die Geschichte um die Stimmung im Land nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatte in Wagners und Jungs Heimat Luxemburg, wo der Film bereits seit Oktober läuft, einiges Aufsehen erregt. Die Frage, inwieweit die Luxemburger mit ihren Besatzern kollaboriert hatten, sei zuvor in der Öffentlichkeit kein Thema gewesen, erklärte Wagner. Unter Historikern habe sie ebenfalls eine neue Debatte ausgelöst. Verständlich meinte Jung, der persönliche Erfahrungen mit einfließen lassen konnte. Für ihn sei es eine Art Aufarbeitung des Traumas gewesen, über die Sachen nicht reden zu können, die man zu dieser Zeit erlebt hatte.

Am wichtigsten sei es ihm gewesen, den Helden weder schwarz noch weiß darzustellen, erklärte anschließend Wagner. Das gebe es in der Realität schließlich auch nicht. Dabei sehe er seinen Film nicht als Nachkriegsfilm, sondern vielmehr sei es für ihn immer ein Western gewesen - mit viel Natur und „großen Aufnahmen“. In deren Rahmen drehe sich vieles um eine Frage, die auch heute passe: Was ist wichtiger – die Suche nach Wahrheit oder die Wahrung der öffentlichen Ordnung?

Desire will set you free

Rezension
Desire will set you free
Die Lust wird dich befreien – so die Übersetzung des Filmtitels von Yoni Leyser. Bis zur Befreiung wird dem Zuschauer allerdings einiges abverlangt. Ein Berlin voller Exzesse und eine Handlung, die dazwischen meist untergeht, wirken statt befreiend vor allem verstörend.

Yony Leyser, Regisseur von „Desire will set you free“, begann seinen Talk mit Shirin Sojitrawalla anschließend mit der Aussage, Fantasie mache ihm mehr Spaß als Realität. Dementsprechend könne auch sein Film interpretiert werden, der jedoch kein utopisches Berlin verkörpere. Die Hauptstadt solle stattdessen zeigen, dass man in Berlin seine Vergangenheit vergessen und leben kann wie man möchte. „Du gehst an einen Ort und denkst, so etwas dürfte es doch eigentlich gar nicht geben“, ergänzt Schauspieler Anton Andreew.

Der Film sei sehr autobiografisch, erklärte Leyser, und deshalb eine Mischung aus Fiktion und Dokumentation, weil er auch sein eigenes Leben so führe: Regeln brechen, Spaß haben. Um weniger Einfluss auf den Film zu haben sei vieles improvisiert worden, Leyser spielt zudem selbst eine der Hauptrollen. Mehr als 30 Seiten Drehbuch gab es nicht, Energie und Atmosphäre beim Drehen seien ihm viel wichtiger, so der Regisseur, der sein Ergebnis als „keinen typisch deutschen Film“ bezeichnete.

Rockabilly Requiem

Rezension
Rockabilly Requiem
Statt gemeinsam auf der Konzertbühne durchzustarten, gibt's reichlich Familien-Trouble bei den Band-Kumpels Hubertus und Basti… Till Müller-Edenborns tiefschwarzes Jugenddrama enttäuscht trotz 80er-Jahre-Chic mit flachen Figuren und albernem Pathos.

Um eine Zeitreise handelt es sich dagegen bei „Rockabilly Reqiuem“, sagte im dritten Talk des Abends, Regisseur Till Müller-Edenborn. Ob diese nun in die 50er oder in die 80er, in denen der Film eigentlich spielt, geht, erscheine bewusst gar nicht so eindeutig. Während der Arbeit habe sich im Team eine Art Eigendynamik entwickelt, so dass eine neue Welt entstanden sei. Im Aufbauen von Erwartungen beim Zuschauer, die sich dann aber auflösen, sehe er ohnehin ein wichtiges Ziel seiner filmischen Erzählung, so der Regisseur.

Das Thema war dagegen für Müller-Edenborn klar – etwas, was mit ihm selbst zu tun habe. Da habe sich die Rockabilly-Musik eben angeboten. Umso besser, dass auch Schauspieler Ben Münchow privat großer Fan des Rock’n’Rolls ist und auch im Film selbst ins Mikro singt, wie er im Talk erklärte. Als er das Drehbuch gelesen habe, sei ihm schnell klar gewesen, dass er die Rolle spielen müsse. Auch, weil sie eine so große Ähnlichkeit zu ihm persönlich habe. „Schnellcaster“ Müller-Edenborn schien das genauso gespürt zu haben, wusste er doch nach nur „60 Sekunden“ Casting ebenfalls, dass Münchow die richtige Besetzung ist.

Agnes

Rezension
Agnes
Walter soll eine Geschichte über Agnes schreiben. Darüber, wie er sie und ihre Liebe sieht. Und so verläuft ihre Liebe parallel: im realen Leben und auf Papier. Der Film verwebt beide Ebenen so stark, dass man das Gefühl bekommt, neben einem guten Film auch ein gutes Buch vor sich zu haben.

Mit der Romanverfilmung „Agnes“ von Johannes Schmid endete der erste Abend der SR-Mitternachttalks. Ihm selbst habe das Buch „den Boden unter den Füßen weggezogen“, als er es vor zehn Jahren gelesen habe, sagte Schmid zum Start. Daraus sei dann die Idee einer Verfilmung entstanden. Später sei es gar nicht so einfach gewesen, zwei seinen Vorstellungen entsprechende und zueinander passende Schauspieler zu finden. Odine Johne habe die nötige Vielschichtigkeit mitgebracht, die es erlaube, die Figur zu konkretisieren und gleichzeitig weiter Projektionsfläche biete. Darüber hinaus habe sie direkt Zuneigung zu „Agnes“ verspürt, so Schmid. Die Darstellung sei ihr dennoch nicht immer leicht gefallen, erklärte Johne anschließend. Es sei nicht immer einfach gewesen, die Denkweise der Physik studierenden Figur immer zu verstehen. Ein Treffen mit einer Physikerin im wirklichen Leben habe aber geholfen.

Eine große Rolle spielte im Talk zudem das Thema „Glück“. In der Kunst sei es „irre schwierig“, Glück zu zeigen, ohne dass es langweilig ist und man ins Klischee verfällt, sagte Regisseur Schmid. Und auch Johne war der Meinung, es sei schwierig, eine Geschichte zu erzählen, in der immer alle glücklich sind.

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