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Mitternacht-Talks am Dienstag

Carla Sommer   25.01.2017 | 09:01 Uhr

Wie aus den letzten Jahren gewohnt, werden auch bei der 38. Auflage des Filmfestivals Max Ophüls Preis die 16 Filme im Langfilmwettbewerb in den SR-Mitternacht-Talks ausführlich besprochen. Am Dienstagabend standen "Die Liebhaberin", "Königin von Niendorf", "Rakete Perelman" und "Le Voyageur" auf dem Programm.


Die Liebhaberin

Eine Szene aus dem Film "Die Liebhaberin" von Lukas Valentina Rinner (Foto: Pressefoto)

Den Start bei den diesjährigen Mitternachtstalks machte der Film "Die Liebhaberin" von Regisseur Lukas Valenta Rinner, der gerade erst vom Saarbrücker Flughafen in das anfangs noch spärlich besuchte erste Obergeschoss der alten C&A-Filiale, dem diesjährigen Lolas Bistro, gekommen war. Es sei ein Privileg, mit dem Film zu reisen, so Rinner, der ursprünglich aus Salzburg stammt, aber seit zehn Jahren in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires lebt und dort auch sein Regiestudium abgeschlossen hat.

Um Buenos Aires geht es auch in Rinners Film „Die Liebhaberin“. „In der Stadt gibt es viele Ghettos und dazwischen diese luxuriösen Gated Communities, in denen ein Teil des Films spielt“, erläuterte Rinner. Die Hauptfigur Belén ist eine Art "moderne Sklavin" in dieser Luxuswelt, der es schließlich gelingt auszubrechen, indem sie sich einer Swinger-Gemeinschaft anschließt.

Für den Film hat Lukas Valenta Rinner an realen Schauplätzen gedreht. Zu Beginn habe er noch damit gerechnet, dass sich das Drehen in den Swinger Clubs am schwierigsten gestalten würde. In der Realität sei es aber viel schwieriger gewesen, in die besagten Gated Communities, die "Ghettos der Reichen", hineinzukommen. "Wir mussten dort zum Teil illegal und verdeckt drehen und haben einigen Leuten Schmiergeld gezahlt", erzählte Rinner im Talk.

Das brutale Ende von "Die Liebhaberin" löste schließlich noch vermehrt Kritik aus den Reihen des Publikums aus. Es habe die Poesie Films zerstört und sei nicht nachvollziehbar. Rinner erklärte, ihm sei die "revolutionäre Geste" des Schlusses wichtig gewesen. Das Ende solle keine Sympathien finden, sondern Diskussionen auslösen und genau das sei ja offensichtlich gelungen.

Impressionen der Mitternacht-Talks


Königin von Niendorf

Obwohl die Uhr inzwischen schon fast Mitternacht schlug, bestand die zweite Talkrunde nicht nur aus der Regisseurin Joya Thome und dem Drehbuchautoren Philipp Wunderlich – auch Lisa Moell, die zehnjährige Hauptdarstellerin von "Königin von Niendorf", nahm auf einem der Sofas in Lolas Bistro Platz. Da der Film erst eine Woche vor Festivalbeginn fertig geworden sei, habe sie sich bei der Premiere am Dienstag tatsächlich zum ersten Mal selbst auf der Leinwand gesehen, erzählte Moell.

Königin von Niendorf: Ein Film für jedes Alter
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Königin von Niendorf: Ein Film für jedes Alter

"Königin von Niendorf" handelt von der zehnjährigen Lea, die auf dem platten Brandenburger Land eine Jungsbande entdeckt und Mutproben bestehen muss, um zu ihnen gehören zu dürfen. Joya Thome hat vor ihrem Regiedebüt unter anderem als Casterin beim Film gearbeitet. Dabei sei sie auf Lisa Moell gestoßen, die damals erst neun Jahre alt war. „Ich war so beeindruckt von Lisas Talent, dass ich ihr die Rolle quasi auf den Leib geschneidert habe“, erzählte Thome.

Königin von Niendorf im Publikumscheck
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Königin von Niendorf im Publikumscheck

Das sei auch der Grund gewesen, warum "Königin von Niendorf" völlig ohne Finanzierung habe auskommen müssen. "Bis Produzenten das nötige Geld zusammen haben, vergehen oft Jahre. So lange konnten wir aber nicht warten, weil Lisa dann zu alt für die Rolle gewesen wäre. Deshalb mussten wir gleich anfangen und haben auf die klassische Art der Finanzierung verzichtet", erklärte Thome.

Stattdessen habe man auf Crowdfunding gesetzt, wodurch schließlich rund 17.000 Euro von Unterstützern zusammengekommen seien. "Das Filmteam haben wir mit kostenlosen "Ferien auf dem Bauernhof" gelockt. Nochmal klappt das aber wahrscheinlich nicht", so Drehbuchautor Philipp Wunderlich. Mit dem Filmemachen wolle Joya Thome, die zurzeit noch Erziehungs- und Sozialwissenschaften studiert, aber auf jeden Fall weitermachen.


Rakete Perelman

Szene aus dem Spielfilm "Rakete Perelman" (Foto: Filmproduktion)

Die dritten Talkgäste des Abends waren Oliver Alaluukas und Johannes Rothe, die ihren Film "Rakete Perelman" vorstellten. "Die Premiere vorhin hat uns psychisch mitgenommen“, gestand Drehbuchautor Rothe. „Man hofft immer, dass das Publikum an den richtigen Stellen lacht." Es sei aber auch spannend zu sehen, welche Momente im Film beim Publikum tragische Gefühle auslösten.

Dass der Film, der zum Teil improvisiert ist, von einer Kommune in Brandenburg handelt, die ein Theaterstück plant, habe auch etwas mit seiner Vergangenheit zu tun, erzählte Regisseur Oliver Alaluukas. Er habe selbst über Jahre hinweg einer freien Theatergruppe angehört. "Dieses Leben und die Intrigen, die in so einer Gemeinschaft passieren, haben mich stark beeinflusst", so Alaluukas.

Rakete Perelman: Gleiche Ziele, aber kompliziert
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Rakete Perelman: Gleiche Ziele, aber kompliziert

Auch in "Rakete Perelman" spielen Kinder-Schauspieler eine wichtige Rolle. Dass die Arbeit mit Kindern so gut gelingt, liege zum einen an einem guten Cast. Zum anderen sei es aber auch wichtig, den Darstellern Räume zu öffnen und Dinge einfach geschehen zu lassen. "Jeder Tag und jede Szene ist anders", sagte Alaluukas. "Wenn man das akzeptiert und einfach nicht zu viel vorgibt, dann ist das Drehen mit Kindern und auch mit Erwachsenen gar nicht so schwer."


Le Voyageur

Rezension
Le Voyageur
Ausgelöst durch die mysteriöse Rückkehr der Voyageur-Raumsonde trifft Virginia nachts im Zug ihren verstorbenen Vater. Obwohl Timo von Guntens Road-Movie zunächst etwas verstörend wirkt, zeigt er einfühlsam mit wenig Dialogen und starker Bildsprache eine liebevolle Vater-Tochter-Beziehung zwischen Leben und Tod.

Der letzte Talkgast des Abends war der frisch für den Kurzfilm-Oscar nominierte Timo von Gunten. Dementsprechend war nicht nur sein Spielfilm "Le Voyageur" Thema des Mitternachtstalks, sondern auch die Freude über die Nachricht, mit "La Femme et le TGV" für einen Academy Award nominiert zu sein, die von Gunten am Nachmittag im Saarbrücker CineStar erreicht hatte. Natürlich habe er sich diese Nominierung gewünscht, in erster Linie sei es ihm aber wichtiger Filme mit und über Menschen zu drehen, die er liebe. Die Oscar-Nominierung sei für ihn eine Chance, Kontakte zu knüpfen und in der Filmbranche weiterzukommen.

Danach drehte sich das Gespräch um seinen Spielfilm "Le Voyageur", mit dem von Gunten ja immerhin auch für den Max Ophüls Preis nominiert ist. Moderatorin Franziska Hessberger wollte wissen, wie es zu der verrückten Geschichte des Films gekommen sei. "Uns war es wichtig, Hürden zu überwinden und Improvisation und Offenheit zuzulassen. Sowohl bei der Kamera, als auch in der Inszenierung", so von Gunten.

La femme et le TGV: Wahrheit und ein bisschen Fantasie
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La femme et le TGV: Wahrheit und ein bisschen Fantasie

Die Reise nach Bulgarien, wo ein Teil des Films spielt, sei besonders aufregend gewesen. "Wir sind mit dem Nachtzug nach Bulgarien gefahren. Ich war erst eine Woche vorher zum ersten Mal da. Dann ist uns nach einem Tag die Dolmetscherin abgesprungen", erzählte von Gunten. Aber diese einzigartige Freiheit habe die Intuition für Improvisation und Offenheit erst geschaffen. "Das wäre in keinem anderen Land so möglich gewesen."

Für die Produktion eines so speziellen Films brauche man Hartnäckigkeit, ein verständnisvolles Team, aber vor allem Spaß und Freude seien wichtig. "Ob der Film dann letztendlich beim Publikum ankommt, ist oft einfach Glückssache", so der Regisseur. Anfang Februar kommt "Le Voyageur" in die Schweizer Kinos.

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