Symbolbild Mitternacht-Talks - Mikrofon auf einem Tisch (Foto: Pasquale D'Angiolillo)

Mitternacht-Talks am Donnerstag

Carla Sommer   27.01.2017 | 08:11 Uhr

Wie aus den letzten Jahren gewohnt, werden auch bei der 38. Auflage des Filmfestivals Max Ophüls Preis die 16 Filme im Langfilmwettbewerb in den SR-Mitternacht-Talks ausführlich besprochen. Am Donnerstagabend standen "Marija", "Einmal bitte alles", "Die Körper der Astronauten" und "Die Reste meines Lebens" auf dem Programm.


Marija

Rezension
Marija

Mit knapp 30 Minuten Verspätung starteten die Mitternacht-Talks am Donnerstag in Lolas Bistro. Der Grund: Michael Koch, Regisseur von „Marija“ und erster Talkgast des Abends, hatte die Talkrunde im CineStar gesucht und anschließend Lolas Bistro nicht gefunden. Gegen 23.30 Uhr nahm er dann aber auf der Couch neben Moderator Kai Schmieding Platz und erzählte von der Entstehung seines Debütfilms.

Marija: Eine Frage der Moral
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Marija: Eine Frage der Moral

Sein Ziel sei es gewesen, wegzukommen vom klischeehaften Migrantenfilm, den jeder schon kennt. Dazu sei Koch im Vorfeld des Films in der Nordstadt, einem Dortmunder Armutsviertel, in dem der Film spielt, unterwegs gewesen und habe die dort lebenden Menschen kennengelernt. „Der Film ist aber keine Milieustudie, sondern das Portrait einer Frau, die nicht mehr länger in die Opferrolle gedrängt werden will“, erklärte Koch.

In „Marija“ haben nicht nur professionelle Schauspieler wie Hauptdarstellerin Margarita Breitkreitz mitgespielt. Der Film ist zu einem großen Teil auch mit Laienschauspielern besetzt worden. „Es war mir wichtig, nicht einen Film über, sondern mit diesen Leuten zu machen“, so Koch. Nur dadurch seien die authentischen Bilder des Films überhaupt möglich gewesen.

Eindrücke von den Mitternacht-Talks


Einmal bitte alles

Im Anschluss ging es mit dem Team des Wettbewerbsfilms „Einmal bitte alles“ weiter. Neben Regisseurin Helena Hufnagel nahmen auch die Hauptdarstellerin Luise Heyer und einer der Produzenten, Torben Maas, auf der Talkcouch Platz. Helena Hufnagel erzählte, sie und die Drehbuchautorinnen Sine Flammang und Madeleine Fricke, hätten sich der Protagonistin Isi von Anfang an sehr nahe gefühlt. „Auch wir wollten immer etwas Cooles – in unserem Fall Filme – machen, aber es lässt einen keiner.“

Einmal bitte alles im Publikumscheck
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Einmal bitte alles im Publikumscheck

Das sei nicht unbedingt ein spezifisches Problem der dargestellten Generation: „F. Scott Fitzgerald hat vor knapp hundert Jahren in seinem Roman „Die Schönen und Verdammten“ schon vom selben Phänomen berichtet“, erzählte Luise Heyer. „Die Probleme der jungen Menschen sind universell, nur heute rutscht man mit 30 in diese Lebenskrise, während es 1920 noch die 15-Jährigen waren.“

Heyer ist zum zweiten Mal in Folge für den Max Ophüls Preis als beste Hauptdarstellerin nominiert. An der Rolle habe ihr besonders gefallen, dass sie Isis Gefühlschaos ausleben durfte. „Ich konnte in der Rolle auch meine eigenen Erfahrungen und Gefühle ausleben und mich komplett austoben. Das war toll“, erzählte Heyer. „Es war schön auch mal erzählen zu dürfen, dass im Leben nicht immer alles geradlinig läuft.“


Die Körper der Astronauten

Der dritte Talkgast des Abends war Alisa Berger, Regisseurin des Films „Die Körper der Astronauten“. Die Idee, ein Familiendrama mit einem Weltall-Thema zu verbinden, sei ihr durch ihre Diplomarbeit gekommen, in der es um die Anziehungskraft von Moralfragen geht. „Ich fand die Idee spannend, dass jemand bereit ist, für seinen Traum vom All die Kontrolle über seinen Körper abzugeben“, so Berger.

In dem Film geht es um einen Jungen, der davon träumt, Astronaut zu werden. Als dieser Traum platzt, beteiligt er sich an einer Langzeit-Bettruhestudie, in der er sich nicht mehr bewegen darf, so dass sich seine Muskeln zurückbilden. Das Spannende: Experimente dieser Art gebe es bei NASA und ESA wirklich. „Als ich davon erfahren habe, wollte ich erst eine Dokumentation über das Thema machen“, erzählte Berger. Das sei aber nicht umzusetzen gewesen. „Das Thema hat mich aber so fasziniert, dass ich einen Spielfilm daraus gemacht habe.“

Beim Casting für ihren Film sei sie übrigens sehr ungewöhnlich vorgegangen, erzählte Berger: „Ich habe mir die Frage gestellt: Was wäre beim Casting interessant zu beobachten?“ Deshalb habe sie sich dazu entschlossen, die Schauspieler zum einen einfach stumm in die Kamera gucken lassen, zum anderen habe sie sie einen Schlüsselbund auseinander basteln lassen. Dabei sei es spannend zu sehen, wie jemand mit seiner ganz eigenen Präsenz funktioniere.


Die Reste meines Lebens

Für den letzten Talk des Abends nahm ein bereits bekanntes Gesicht auf der Couch Platz. Neben Jens Wischnewski, Regisseur von „Die Reste meines Lebens“, saß Luise Heyer, die auch schon zum Film „Einmal bitte alles“ Fragen beantwortet hatte. Heyer spielt nämlich gleich in beiden Filmen eine der Hauptrollen. Zudem kündigte Moderatorin Franziska Hessberger noch einen „Special Guest“ an, der noch unterwegs zum Mitternacht-Talk sei.

„Die Reste meines Lebens“ handelt von Schimon, der trotz des plötzlichen Todes seiner Frau nicht aufhört, an das Glück zu glauben. Schließlich holen ihn die Reste seines Lebens aber doch ein. Dass die Weltpremiere des Films in Sao Paulo gewesen ist, habe Regisseur Wischnewski im Vorfeld große Sorgen bereitet. „Der Film behandelt ein sehr deutsches Thema. Es geht um jemanden, der seine Gefühle verloren hat. Wir haben uns die Frage gestellt: Kennen Brasilianer das überhaupt?“, erzählte Wischnewski. Der Film sei letztendlich aber gut bei den Brasilianern angekommen. „Manche saßen danach schluchzend in ihren Kinosesseln.“

Die Reste meines Lebens: Heiter bis fröhlich
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Die Reste meines Lebens: Heiter bis fröhlich

Während ein Ausschnitt des Films gezeigt wurde, stürmte der angekündigte „Special Guest“, Hauptdarsteller Christoph Letkowski, auf die Bühne. Seine verschmitzte Anmerkung zur Verspätung: „Es gibt hier ziemlich leckeren Kaffee mit Zimt und Vanille!“

Anschließend erzählte Luise Heyer, sie habe sich anfangs nicht in der Rolle der Milena gesehen. „Ich hatte ein ganz schlechtes Gefühl, als ich aus dem Casting rauskam. Dass ich einfach nicht Milena sein kann“, so Heyer. Die Arbeit sei aber letztlich sehr intensiv und schön gewesen. „Ich habe durch die Rolle viel gelernt. Nicht nur, aber auch, wie man Flügelhorn spielt und einen Clown darstellt.“

Jens Wischnewskis Spielfilmdebüt war lange eine Art Utopie für den Regisseur: „Ich habe den Film lange Zeit – vor allem finanziell – für unverfilmbar gehalten“. Gerade der Dreh in den USA und das Engagement eines Orchesters hätten das Filmteam lange vor scheinbar unlösbare Probleme gestellt – die sich dann aber nach und nach in Luft aufgelöst hätten. „Man muss die Probleme angehen und sich mit Leuten umgeben, die Leidenschaft haben“, erklärte der Regisseur. „Dann ist alles möglich.“

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