Szene aus "Draußen in meinem Kopf" (Foto: Eibe Marleen Krebs Junafilm)

Draußen in meinem Kopf

Eine Rezension von Martin Breher   24.01.2018 | 20:00 Uhr

Sven, der an Muskeldystrophie erkrankt und ans Bett gefesselt ist, liebt es, aus der Reihe zu tanzen und zu provozieren. Das bekommt auch sein neuer Pfleger Christoph zu spüren. "Draußen in meinem Kopf" zeigt eindrucksvoll, wie sehr die Beziehung der beiden an gegenseitige Wertschätzung und Vertrauen gebunden ist.

Bewertung: 3 von 3 Herzen

Sven (gespielt von dem durch seinen "Wetten, dass..."-Unfall bekannt gewordenen Samuel Koch), 28 Jahre alt, ist bettlägerig. Er leidet an Muskeldystrophie, kann seine Arme und Beine nicht mehr bewegen und muss von Pflegekräften im Heim versorgt werden. Weil die aber nicht allzu viel Zeit für Betreuung haben, und vielleicht auch, damit er nicht ganz so einsam in seinem Einzelzimmer ist, bekommt er Christoph (Nils Hohenhövel) zugeteilt, einen jungen Abiturienten, der gerade im Pflegeheim sein freiwilliges soziales Jahr absolviert.

Audio [SR 1, 26.01.2018, Länge: 02:24 Min.]
SR 1-Filmtipp: Draußen in meinem Kopf

Der sitzt von nun an stundenlang jeden Tag bei Sven im Zimmer und soll ihn bei all dem helfen, was er alleine nicht mehr kann: Essen, trinken, umziehen, die Stereoanlage bedienen und so weiter. Dass all diese Eingriffe in eigentlich intime Lebensbereiche Vertrauen voraussetzen, zeigt sich nicht erst beim Duschen, sondern schon beim Essen, als Sven das Füttern durch Christoph am Anfang einfach verweigert. Auch richtige Unterhaltungen erweisen sich als schwierig, da keiner der beiden etwas über sich preisgeben möchte. Großartig illustriert wird diese Intimität im Film auch dadurch, dass es nur einen Schauplatz gibt: Das kleine Zimmer von Sven.

Sven beschäftigt sich offen mit seinem baldigen Tod, versucht aber dennoch das Beste aus seinem Leben zu machen, wenn auch manchmal mit seinem ganz eigenen Humor: Er hört in voller Lautstärke seine Lieblingsmusik, Bachchoräle mit an dieser Stelle sehr makaber wirkenden Texten ("Komm, süßer Tod"), feiert mit den anderen skurrilen Gestalten aus dem Pflegeheim Partys, auf denen geraucht und gesoffen wird, oder lebt mit Christoph seinen Fetisch aus, sich nackt in einen Plastiksack einwickeln zu lassen.

Nachdenkliches Kino mit vielen Gefühlen

Regisseurin Eibe Maleen Krebs schafft es, in "Draußen in meinem Kopf" ganz beiläufig die ganz großen Fragen zu stellen: Wie lange ist ein Leben noch lebenswert? Wann sollte Sterbehilfe erlaubt sein? Wie viel meiner Intimsphäre kann, will und muss ich im Krankheitsfall aufgeben? Und wie wäge ich ab zwischen mir widerstrebenden zwanghaften Kontakten auf der einen und völliger Einsamkeit auf der anderen Seite? Antworten auf diese Fragen gibt der Film aber nicht - und das ist auch gut so.

"Draußen in meinem Kopf" ist großes, nachdenkliches Kino, mit vielen Gefühlen.  Ermöglicht wird das durch wunderbar überzeugend agierende Schauspieler, allen voran Nils Hohenhövel in der Rolle des FSJ-lers Christoph; und durch interessante Kameraperspektiven in der auf nur einen Raum limitierten Szene, die den beschränkten Alltag von Sven zumindest erahnen lässt. Ein absolut sehenswerter Film, der tief unter die Haut geht!

Regie: Eibe Maleen Krebs
Deutschland 2018

Spielfilme im Wettbewerb
16 Produktionen treten in der kommenden Ausgabe des Filmfestivals Max Ophüls Preis in der Kategorie "Spielfilm" an. Die Hälfte der Filme wird in Saarbrücken uraufgeführt, die andere Hälfte sind deutsche Erstaufführungen. Insgesamt werden in dieser Kategorie sieben Preise vergeben.

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