Von der Komponistin zum Call-Girl

Her Composition

Kreative Emanzipation

Eine Rezension von Carla Sommer   11.01.2016 | 15:26 Uhr

Eine junge Frau nutzt ihre Sexualität, um aus dem geordneten Leben auszubrechen, das sie an ihrer künstlerischen Entfaltung hindert. Doch damit gerät sie immer tiefer in einen Abgrund aus Genialität und Wahnsinn. "Her Composition" ist ein eindrucksvoller und bildstarker Film mit einer Hauptdarstellerin, die den Zuschauer in ihren Sog zieht.

Bewertung: Zwei von drei Herzen

„Not everyone can handle this business“ – diese Warnung gibt ein erfahrenes Callgirl Malorie zu Beginn mit auf den Weg und genau die Frage bleibt bis zum Schluss offen. Inspiriert oder zerstört die Emanzipation sie?

Die ehrgeizige junge Musikerin Malorie studiert Komposition an einem angesehenen New Yorker Konservatorium. Ihre Universitätskarriere verläuft geradlinig, doch künstlerisch steckt Malorie in einer Schaffenskrise. Als sie von ihrem Freund verlassen wird und ein Stipendium, mit dem sie fest gerechnet hat, nicht bekommt, beginnt sie, an ihrem makellosen Leben zu zweifeln. Um an Geld zu kommen beschließt sie, als Prostituierte zu arbeiten. Die Eindrücke, die sie bei den sexuellen Begegnungen mit ihren Kunden erfährt, inspirieren sie zu einer völlig neuen Komposition. Doch mit der Zeit gerät Malorie mehr und mehr in eine rauschhafte Besessenheit, die sie körperlich und geistig an ihre Grenzen bringt.

"Amerikanisches Experiment"

„Her Composition“ ist Stephan Littgers erster Spielfilm, den er in New York gedreht hat und als „amerikanisches Experiment“ bezeichnet. Experimentell sind dabei vor allem die ungewöhnlichen Kameraeinstellungen und die starke Bildlichkeit, die einen beängstigend klaren Einblick in die Gefühlswelt der Protagonistin Malorie offenbaren.

Lieblingszitat: "Men are driven by narcissism or insecurity"

Der Film schafft es, die zunehmende Obsession der Heldin in Bild und Ton auf die Leinwand zu bringen und kommt dabei über weite Strecken mit wenig Sprache aus. Littgers Anspruch, Kunst zu machen und dennoch zu unterhalten, gelingt. Nicht zuletzt durch die Hauptdarstellerin Joslyn Jensen, die sich mit ihrem Spiel stark von den anderen Darstellern absetzt. Durch ihre starke Darstellung kann der Zuschauer Malories Verfall in den genialen Wahnsinn hautnah miterleben.

An manchen Stellen zu einfach gedacht

Malories sexuelle Begegnungen und die Entstehung ihrer Komposition ziehen sich wie ein roter Faden durch den Film. Von der summenden Fliege an der Wand, über Gerüche, Töne und Gefühle bis zum Kunstwerk auf der Bühne. Allerdings geschieht das fast nur auf der visuellen Ebene. Offenbar erwartet Littger vom Zuschauer, dass er sich anhand von Bildern und wenigen Tonfetzen eine Melodie vorstellen kann - und das bis zum Schluss. Dafür, dass die Musik ganz klar eines der Leitmotive des Films ist, ist das zu wenig. Auch inhaltlich fehlt dem Film an manchen Stellen ein wenig an Tiefe. Dass eine Frau mit einer Vorzeige-Vita in nicht einmal zehn Filmminuten beschließt, als Callgirl zu arbeiten und bis zum Schluss nie von Zweifeln geplagt wird, erscheint doch etwas zu einfach.

„Her Composition“ ist ein Film in vier Akten. Mit jedem Akt verstört der Film ein bisschen mehr und zeigt, dass Wahnsinn oft mit Genialität einhergeht. Die Offenheit, mit der Littger Malorie beim Sex mit ihren Freiern zeigt, ist ein Gegensatz zu der klassischen Hollywood-Prüderie, vor deren Hintergrund der Film gedreht wurde. Der Film ist auf jeden Fall sehenswert.

Regie: Stephan Littger
USA, Deutschland 2015

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