Die Künstlerin vor ihren Bildern (Foto: Uniklinikum Homburg, Susanne Stucky)

Kunst aus Haut und Haaren

Carl Rolshoven   16.04.2017 | 08:30 Uhr

Anne Kerber aus dem Mandelbachtal hat eine neue Kunstrichtung erschaffen: die 'HistoPopArt'. Echtes, menschliches Gewebe (griech: 'histos') lässt sie in den Lieblingsfarben von Andy Warhol und Co. erstrahlen.

Damit hat sie ihren Beruf zum Hobby gemacht. Denn Anne Kerber arbeitet seit 25 Jahren an der Homburger Uniklinik als medizinisch-technische Assistentin (MTA). Am Mikroskop im Labor der Hautklinik studiert sie täglich Gewebeproben. "Die Strukturen der Gewebe faszinieren mich. Das war schon immer so", schwärmt Anne Kerber. Weil sie immer schon gerne fotografiert und Bilder bearbeitet hat, entstand die Idee, berufliche und private Leidenschaft zu ihrer eigenen Kunst zu verschmelzen.

Gewebe in "pink and blue"

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Am Mikroskop kann Anne Kerber das Gewebe bis zu 600 Mal vergrößern. Den Bildausschnitt fotografiert sie ab und taucht ihn hinterher am Computer in die knalligen Farben. Wie aber ganz genau von der Gewebeprobe bis zu Leinwand die Bilder entstehen, fällt unter Kerbers persönliches Kunstgeheimnis. Zu den rosafarbenen und bläulichen Tönen inspirierten sie aber nicht etwa Andy Warhol oder andere Pop-Art-Künstler. Für die Diagnose der Ärzte werden die Gewebeproben oft "pink and blue", dargestellt. "Also war für mich klar, ich bleibe natürlich bei rosa und blau".

Körperkunst mit ethischen Grenzen

Die Körperkunst hat ihre Grenzen bei krankem Gewebe. Auch wenn es vielleicht spektakulärer klingen würde – für Kerber käme es nie in Frage, etwa aus Tumoren Bilder zu kreieren: "Ich sehe keinen Sinn darin, Krankheiten darzustellen. Mein Anliegen ist es, dem Menschen seinen gesunden Körper mit meinen Bildern nahezubringen." Außerdem sähen beispielsweise bösartige Zellen immer gleich aus. Das gesunde Leben sei für sie und die Betrachter viel spannender. Die Interpretation der bunt illustrierten Nahaufnahme falle immer ganz unterschiedlich aus. Manche Betrachter erinnerten sich bei den Bildern an skandinavische Fjorde oder karibische Atolle, andere vermuteten eine bunte Satellitenaufnahme eines Wirbelsturmes.

HistoPopArts von Anne Kerber

Anfangs bearbeitete Kerber nur Gewebeproben aus Haut und Haaren. Im Labor der Homburger Hautklinik sitzt sie da an der Quelle. Als immer mehr Fans ihrer Kunst nach neuen Motiven gefragt hätten, fielen ihr die Präparate aus ihren alten Lehrkästen ihrer Ausbildung ein. Die Anatomie auf dem Homburger Campus öffnete Kerber auch ihr Archiv und gewährte ihr Zugang zu präparierten Schnitten von anderen Organen.

HistoPopArt neben Körperwelten

Heute finden sich ihre Kunstwerke auch oft auf den Deckeln medizinischer Fachliteratur. "Nur fürs stille Kämmerlein sind die Bilder zu schön", deswegen putzt die 47-Jährige selbstbewusst Klinken, damit ihre Kunst für möglichst viele Menschen sichtbar wird. Ihr bislang größter Erfolg ist die Ausstellung im Berliner "Menschen Museum". In einem Nebenraum der berühmten „Körperwelten“ des Leichenplastinators Gunther von Hagens hängen zur Zeit ihre Bilder. Über ein Buch denkt Kerber im Moment noch nach.

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