Emmanuel Moynot (Foto: Florian Belmonte)

Moynot zeichnet Nestor Burma

Für jedes Arrondissement ein Krimi

Gerd Heger   08.02.2018 | 08:30 Uhr

Einer der berühmtesten Detektive Frankreichs ist Nestor Burma. Und natürlich sind seine Abenteur auch als Comic erhältlich. "Bande dessinée in Deutschland" - der neue SR.de-Service

Die Idee war genial und entstand auf der berühmten Brücke Bir-Hakeim, über die die überirdische Metro fährt: Für jedes Pariser Arrondissement ein "polar", ein Krimi, mit demselben Helden: Privatdetektiv Nestor Burma. Nicht von ungefähr ein enger Verwandter der amerikanischen Schnüffler jener Zeit. Von 1954 bis 1959 entstanden 15 Romane, nur das 7., das 11, das 18., das 19. und das 20. Arrondissement blieben ausgespart. Autor Léo Malet, Waise, Clochard und Surréalist, ging damit in den Krimiolymp ein. Nicht nur Film (mit Michel Serrault als Burma) oder Fernsehen (Guy Marchand ist DER Burma für die Glotze), auch das Comic nutzte die genau gezeichneten Milieustudien. Jacques Tardi übernahm Burma für die Neunte Kunst (in Deutschland sind fünf dieser Alben erschienen, Ed. Moderne).

Comics Nestor Burma Metrostation (Foto: Schreiber & Leser)
Die Metro in der Besatzungszeit - Sicherheit vor Bombenangriffen
Ich hatte immer eine Schwäche für Rotschöpfe (Nestor Burma)

Die dunkle Grundstimmung des „roman noir“, die pfiffige, ziemlich gebildete, Frauen gegenüber durchaus offene, aber auch mit allen Wassern gewaschene Hauptfigur kann einem nur ans Herz wachsen. Ein ganzes Sammelsurium von Bordsteinschwalben, fetten Polizisten, halbseidenen Ganoven, ergebenen Sekretärinnen, Lebemännern, scheinbar sanften weiblichen Lämmchen oder stilecht karikierten Figuren der Epoche tummelt sich in den Nestor-Burma-Romanen genau wie in den Comicadaptionen. Wobei letztere nicht nur den Wortwitz der Originalromane retten, sondern durch präzise recherchierte Illustrationen eine ganze Zeit wiedererwecken.

Na gut, für Blondinen und Brünette auch, wenn man mich so fragt (Nestor Burma)
Autoportait (Foto: Schreiber & Leser)
Moynot Autoportrait als Krimizeichner

Emmanuel Moynot, der 2005 auf Tardis Bitte die Serie übernahm, sieht sich selbst als Geschichtenerzähler viel eher denn als Zeichner. Der 1960 geborene Sohn eines kommunistischen Gewerkschafters wurde zwar durch seine Burma-Comics richtig bekannt, sein umfangreiches Werk (darunter auch das bei Schreiber & Leser erschienene Tod eines Blauwals, das in seiner jetzigen Heimat Bordeaux spielt) machte ihn aber längst davor zu einem der wichtigsten Comicautoren Frankreichs.

Ich habe eine Schwäche für Frauen, schlicht und einfach (Nestor Burma)

Die deutschen Ausgaben, im handlichen Kleinformat erschienen, zeichnen sich durch konzise, gut informierte Anhänge aus, die die Anspielungen des Originals näher bringen und über die Schauplätze informieren. Die Übertragungen von Resel Rebiersch sind präzise und treffen den Ton des Originals hervorragend. Der neueste Streich von Nestor Burma führt ihn im Jahr 1946 zum Filmfestival von Cannes, denn „gegen eine nette Ermittlung am Meer war nichts einzuwenden.“

Léo Malet / Emmanuelle Moynot / nach Figuren von Tardi // Blüten, Koks und blaues Blut
Schreiber & Leser 2018 (dort auch die anderen Bände)

Comics Nestor Burma Sang Bleu (Foto: Schreiber & Leser)
Burma beim Filmfestival in Cannes

Original:
L’homme au sang bleu   /  Casterman/Fleuve Noir Éditions 2017

Moynot in Stuttgart

Am 21. Februar ist Emmanuel Moynot, der neben dem Zeichnen auch noch in Filmen mitspielt und sich an englischen Songs versucht, in Stuttgart, eingeladen vom Institut francais. In der LesBar der Stadtbibliothek erzählt er ab 19.30 Uhr im Rahmen der Reihe "Graphic Novels!" von seiner Arbeit, aber natürlich auch von Nestor Burma.

Die bisherigen Artikel von sr.de/bd

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Burma Blüten (Foto: Schreiber & Leser)
Nestor Burma ermittelt

Die wichtigsten Comicmessen in der Großregion: Festival de la BD (Colmar - 12.-18.3.), Le Livre à Metz (Metz - 13.-15.4.), Villers BD (bei Nancy, 12./13.5.), Imaginales (Epinal, 24.-27.5.), Strasbulles (Strasbourg, Juni), BD et Illustration (Haut-Koenigsbourg, 7.-15.7.), Festival International de la Bande dessinée (Contern/Luxemburg, 21./22.Juli, zum 25. Mal).


Konzept

Die Comicbegeisterung in Frankreich ist mit dem deutschen Comicmarkt nicht zu vergleichen. Aber sie schwappt auch über die Grenze: Gut die Hälfte aller frankophonen Bücher, die für Deutschland übersetzt werden, sind Comics. Von den Klassikern wie Asterix oder Lucky Luke bis zu heutigen Serien wie Largo Winch oder XIII, von Cartoongrößen wie Sempé oder Pénélope Bagieu bis hin zu den Zeichnern und Zeichnerinnen von Charlie Hebdo oder den Graphic Novels eines Guy Delisle.

Hier bietet SR.de exklusiv für Deutschland eine regelmäßige Auswahl aktueller Titel, aber auch Hinweise auf Klassiker und Gesamtausgaben. Kontakt: gheger@sr.de

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