Fundstück November 2017: Jean Lurcat, Wandteppich Solaire (Foto: SR)

Warum der SR nicht auf dem Teppich geblieben ist

 

Besucher im Hörfunk-Foyer des Saarländischen Rundfunks vermissen nichts. Auch jetzige SR-Mitarbeiter nicht. Ehemaligen kommt die Frage aber schon noch in den Sinn: Wo ist eigentlich der Lurçat geblieben? Schließlich hing er über viele Jahre hinweg an der jetzigen Garderobenwand.

Blickfang und künstlerische Zierde zugleich war er – der kostbare Wandteppich des französischen Malers, Keramikers und Tapissiers Jean Lurçat (1892 – 1966). Nein, verkauft wurde er nicht. Auch nicht gestohlen oder irgendwo verborgen in einem SR-Fundus. Den Teppich hat es nur zu seinesgleichen gezogen, ein paar Dutzend Kilometer weiter – als Beitrag des SR zur Bereicherung der saarländischen Museumslandschaft. Sehr geschätzt und liebevoll betreut wird er dort von seinem „Pflegevater“ Matthias Marx – einem katholischen Pfarrer mit Nebenberuf(ung).

Von Matthias Marx*

Als Edmund Ringling 1988 als freier Autor (zwischen 1961und 1968 war er der erste Fersehverantwortliche des SR gewesen) für den Saarländischen Rundfunks einen Film über das Werk von Jean Lurçat produzierte, konnte er die Tapisserie „Solaire“ noch an Ort und Stelle aufnehmen – im Foyer des SR-Hörfunkgebäudes. Sie stammte aus einer der weltbekannten Teppichknüpfereien in Aubusson, der „Welthauptstadt der Tapisserien“. Aubusson liegt im französischen Département Creuse im Nordwesten des Zentralmassivs. Die Tradition der Teppichknüpferei dort geht bis ins 15. Jahrhundert zurück.

Teppichknüpferei Legoueix in Aubusson (Foto: Jahan)
Atelier Camille Legoueix in Aubusson. Die Werkstatt ist inzwischen aufgegeben.
Die Burg Les-Tours-de-Saint Laurent (Foto: SR)
Die Burg Les-Tours-de-Saint Laurent

Seit 2009 gehören die Aubusson-Tapisserien zum immateriellen UNESCOWeltkulturerbe. Dort und in der Atelier-Burg Saint-Laurent-les-Tours (in Frankreichs Südwesten im Département Lot) lebte und arbeitete lange Zeit auch der Tapissier Jean Lurçat. Geboren wurde er im Vogesenort Bruyères. Nancy war vor Paris Lurçats erster Studienort.
Im Zweiten Weltkrieg kämpfte er im französischen Widerstand (Résistance) gegen die deutschen Besatzer. Die von Lurcat nach dem Krieg erworbene mittelalterliche Burg Saint-Laurent-les-Tours war in den letzten Kriegsjahren für einige Zeit das Versteck eines geheimen französischen Widerstandssenders gewesen.

Der Maler, Keramiker und Tapissier Jean Lurçat im Atelier (Foto: Georges Martin)
Der Maler, Keramiker und Tapissier Jean Lurçat im Atelier

Die Werke des Künstlers (auch Bilder und Keramiken) sind heute weltweit in den bekanntesten Museen und Gebäuden zu bewundern. So zum Beispiel im Sitz der Vereinten Nationen in New York und im Kölner Gürzenich. Eine großflächige Kachelwand entwarf Lurçat für die Fassade des Senders Radio Alsace in Straßburg.

1965 zeigte auch das Saarlandmuseum eine große Lurçat-Ausstellung. Wahrscheinlich inspirierte sie den damaligen SR-Intendanten Dr. Franz Mai zum Erwerb von „Solaire“. Der im Atelier Legoueix in Aubusson entstandene Wandteppich (220 x 325 cm) war 1962 aus reiner Wolle gewebt worden. Zur Färbung der Wollfäden wurden die Kalkfarben der Creuse verwendet. Als Vorlage diente ein Carton (Zeichnung auf Pappe) von Lurçat aus demselben Jahr. Der SR-„Solaire“ ist wahrscheinlich das erste von drei bekannten Exemplaren. Das französische Recht gestattet acht Exemplare.

Als Direktor des Eppelborner Lurçat-Museums hatte ich schon früh Informationen bekommen, dass es außer in der „Modernen Galerie“ auch beim SR einen großartigen Wandteppich zu sehen gäbe. Auf meine Nachfrage hin kam heraus, dass die Tapisserie inzwischen im persönlichen Büro des Intendanten hinge. Dort ließ man mich Ende der 90er Jahre hineinschauen und erlaubte mir zu fotografieren. Später sah man dann den Teppich 2002 bei einer Pressekonferenz im Hintergrund, als es darum ging, dass die Tour de France das Saarland streifte. Werner Zimmer vor einem Lurçat-Teppich … 

Jean Lurcat, Wandteppich (Foto: Zeitschrift „Architektur + Wohnform“)
Beispielhaft: Als gelungene Verbindung von Architektur und Gestaltung des Innenraums brachte es der Lurçat-Wandteppich „Solaire“ sogar in eine Architekturzeitschrift.

Wo „Solaire“ später noch einen Platz beim SR auf dem Halberg fand, ist mir unbekannt. Jedenfalls entsprach Intendant Thomas Kleist im Sommer 2013 unserer Bitte um eine Leihgabe. Der Lurçat-Teppich des Saarlandmuseums hing bereits seit der Gründung des Lurçat-Museums 2002 in Eppelborn.   

Das Eppelborner Museum ist das einzige Lurçat-Museum in Deutschland und reich an Tapisserien: 40 (!) sind es – aber die Präsentation der Leihgabe des Saarländischen Rundfunks ist natürlich eine Ehrensache.

Der französische Maler, Keramiker und Tapissier Jean Lurçat in seinem Atelier in Saint-Laurent-les-Tours zur Tapisserie als eigenständige Kunstgattung. Ausschnitt aus dem Film "Ode an das Leben. Jean Lurçat und seine Wandteppiche" vom 14. 12. 1965. (Filmautorin Dr. Helga Prollius, Kamera Alfred E. Ohnesorg, Schnitt Christel Becker) Quelle: SR-Fernseharchiv

Zum Wandteppich selbst: Auf grau-meliertem Hintergrund erscheinen vier Rechtecke, zwei weiß und zwei schwarz hinterlegt. Die schwarzen Felder sind links oben und rechts unten platziert, die weißen dementsprechend ebenfalls diagonal. Das wirkt wie viermal „Teppich im Teppich“. Die erste schwarze Abteilung zeigt mitten in goldgelbem und grünem Laub halbversteckt einen Sonnenball mit etwas verkniffenen, fast aggressiven Gesichtszügen. Diagonal gegenüber ein Feld mit einem Phantasie-Tier, in den Formen von Skorpion und Schmetterling, mit vielen feurigen Strahlen.

Darüber, auf der hellen Fläche, ein mutiertes Stachelschwein, mit Hörnern auf dem Kopf und einer Menge langer Stacheln, die wie Schilfrohre im Wind wehen. Diagonal gegenüber das Sternzeichen „Zwillinge“, von Lurçat oft verwendet, in Form zweier herzförmiger Blättergebilde, die von einer Kette zusammengehalten werden. Im oberen Teil stülpt sich je ein Sonnen- bzw. Mondsymbol aus. In diesem Feld hat links unten der Künstler signiert, in einer ihm eigenen Wurzel-Schrift.

Die ganze Tapisserie zeigt links und rechts außen eine Fülle von Halbmonden, oben und unten über die ganze Längskante hin so etwas wie Hahnen-Spuren.

Ausschnitt aus dem Film „Ode an das Leben. Jean Lurçat und seine Wandteppiche“ vom 14. 12. 1965. Darin äußert sich Jean Lurçat in seinem Atelier in Saint-Laurent-les-Tours  zur Bedeutung von Wandteppichen. Quelle: SR-Fernseharchiv

„Solaire“ hat übrigens noch eine Art Schwester: „Lunaire“. Gleiches Format, ähnliche Struktur, ähnliche Wirkung. Sie befindet sich in der Peter-Stuyvesant-Foundation in Johannesburg.

Das ganze Kunstwerk ist ein mysteriöser Zusammenhang von irdischen und kosmischen, animalischen und floralen Elementen. Durch die hellen und dunklen Hintergründe entsteht der Eindruck von Ausschnitten eines hellen Tages und einer dunklen Nacht. Traum und Poesie, Freude am Bizarren gehen Hand in Hand.

Unser Museum in Eppelborn feiert 2017 seinen 15. Geburtstag. Geöffnet ist es freitags und sonntags von 14.30 bis 18.00 Uhr. Vierhundert Werke besitzt unsere Stiftung, so dass mehrmals im Jahr neu „gehängt“ wird. „Solaire“ behält allerdings normalerweise seinen Ehrenplatz.

Matthias Marx (Foto: Lurçat-Museum Eppelborn)
Matthias Marx, Pfarrrer und Direktor des Eppelborner Lurçat-Museums

*Der Autor dieses Textes, Matthias Marx, wurde am 16. Februar 1954 in Saarbrücken geboren und 1980 in Trier zum Priester geweiht. Seit 1993 ist er Pfarrer in Eppelborn.

Er ist Stifter Direktor des Eppelborner Lurçat-Museums. Seine Begeisterung für Jean Lurçat begann im August 1992. Da entdeckte er gemeinsam mit dem Pfarrer und Oberstudienrat Paul Ludwig den Künstler im Lurçat-Museum in Angers während einer Ausstellung zu dessen 100. Geburtstag.

Nach Paul Ludwigs Tod (1998) betrieb Matthias Marx die Gründung der „Paul-Ludwig-Stiftung Jean Lurçat“. Sie entstand aus dem Erbe von Ludwig, der aus einer bekannten Saarbrücker Konditorenfamilie stammte. Die Stiftung ist die Trägerin des Eppelborner Lurçat-Museums.

Redaktion für den Arbeitskreis SR-Geschichte: Axel Buchholz (ab), Eva Röder (Gestaltung/Layout), Roland Schmitt (Fotos/Recherche); Mitarbeit: Burkhard Döring, Daniel Mollard, Sven Müller, Elionore Steimer.
Der „Arbeitskreis SR-Geschichte“ bedankt sich bei Séverine David, der „Chargée de communication“ der „Cité internationale de la tapisserie“ in Aubusson für die Unterstützung bei der Bildbeschaffung.

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