Ein vergnügter Hildebrand bei der Grafik-Party 1974, mit den Kolleginnen Elisabeth Nellessen, Erika Mahan und Annelie Fischer (v.l.n.r.) (Foto: SR/Annelie Fischer)

„Kannten Sie Hildebrand?“

Auf Spurensuche nach dem SR-Chefgrafiker K. Lothar Hildebrand

 

Wer dem Saarländischen Rundfunk (s)ein Gesicht gibt, ist in aller Regel selbst bald ein bekanntes Fernseh-Gesicht. Auf seine Weise hat auch K. Lothar Hildebrand dem SR über zwei Jahrzehnte „ein Gesicht gegeben“. Seine Plakate verrieten etwas versteckt den Nachnamen des Urhebers, handschriftlich oder in Druckschrift. Eine Werkauswahl zeigt der SR ab 13. Mai 2017 anlässlich seines sechzigsten Sendergeburtstages im Rahmen einer Ausstellung im Deutschen Zeitungsmuseum Wadgassen. SR-Bibliothekar Roland Schmitt und SR-Kommunikationschef Peter Meyer haben dafür die SR-Plakate ausgewählt.

Von Roland Schmitt

Als Ressortleiter des SR-Printarchivs wusste ich in etwa, was an Hunderten von SR-Plakaten in Magazinschränken oder auch nur lose vorhanden war bzw. vorhanden sein könnte. Das Gros des Bestandes war noch nicht erschlossen, aber „greifbar“. Besonders aufgefallen waren mir die im wahrsten Sinne des Wortes „ins Auge springenden“, auch in puncto Farbgestaltung sehr individuell gestalteten Hildebrand-Plakate aus den 1960er und 1970er Jahren. Wer war dieser längst in Vergessenheit geratene Künstler und Grafiker, fragte ich mich.

Plakat Tucholsky (Foto: SR)
Eines der ersten von Hildebrand gestalteten SR-Plakate (1963)

Schnell fand ich heraus, dass Hildebrand am 14. Mai 1928 in Wussecken/Pommern geboren wurde. Und dass er am 1. Oktober 1962 als Grafiker beim SR einstieg und zum 1. Januar 1969 als Sachgebietsleiter mit der Leitung des grafischen Ateliers betraut wurde. Wann genau Hildebrand beim SR ausschied, war nicht ganz zu klären. Sein Vertrag endete zum 30. Juni1982, doch bereits im Sommer 1981 hatte er sich in seinem saarländischen Wohnort Riegelsberg abgemeldet und war nach Berlin-Charlottenburg verzogen. Weitergehende Informationen über den Grafiker konnte ich allerdings nicht finden, nicht einen einzigen Text.

„Kannten Sie Hildebrand?“ war also fortan meine Frage an ehemalige Kolleginnen und Kollegen. So wurde klar, dass Hildebrand vornehmlich im Auftrag der SR-Pressestelle (Vorläuferabteilung der SR-Unternehmenskommunikation) und verschiedener Fachredaktionen in Hörfunk und Fernsehen tätig geworden war.

Cover: 25 Jahre SR (Foto: SR)
Einbandgrafik zur SR-Jubiläumsbroschüre von 1972

Cover: Aus fernen Tagen (Foto: SR)
Klapp-Cover zur Begleit-LP der TV-Serie „Aus fernen Tagen“ – Layout und Fotos von K. Lothar Hildebrand

In der Rückschau lässt sich auch beschreiben, welche Tätigkeitsfelder Hildebrand beim SR zu „beackern“ hatte: Ihm oblag die Gestaltung der Titel von Fernsehfilmen, Illustrationen, Diagrammen, Dias und Schriften aller Art. Auch bei der Entwicklung von Bühnenbildern für Fernsehproduktionen konnte er mitwirken. Wie es heißt, entwickelte Hildebrand „aus eigener Initiative … in den ersten Jahren seiner Tätigkeit Zeichenfilme für das Kinderprogramm.“

Hildebrand gestaltete außerdem Plakate und Programmankündigungen für öffentliche Veranstaltungen sowie Schallplattenhüllen für vom SR herausgegebene Sonderpressungen:

Ausstellung auf dem Halberg (Foto: SR)
K. Lothar Hildebrand vor einem seiner Exponate im Foyer des Funkhauses (1979) ...

Infoblatt zur Ausstellung (Foto: SR)
... und das Infoblatt dazu

Über sein Arbeitsleben vor seinem SR-Engagement war fast nichts bekannt. Einem Infoblatt, dass anlässlich einer Ausstellung mit einer Auswahl seiner betont künstlerischen Werke 1979 auf dem Halberg erstellt wurde, konnte ich entnehmen, dass Hildebrand in Berlin an der traditionsreichen „Meisterschule für das Kunsthandwerk“ (1971 in die Hochschule für Bildende Künste eingegliedert) Gebrauchsgrafik studierte. Sein Studium dürfte er relativ zeitig nach Ende des Zweiten Weltkrieges begonnen haben. Anschließend war er – wie es sehr unpräzise heißt – „als Grafiker/Designer in Berlin und verschiedenen Orten in der Bundesrepublik tätig“. C'est tout – mehr Informationen ließen sich zu Hildebrands Leben erst einmal nicht ermitteln. Auch nicht, ob er noch lebt.

Also fragte ich weiter: „Kannten Sie Hildebrand?“ – „Aber klar“, waren die eindeutigen und einhelligen Antworten der ehemaligen Leiter der SR-Pressestelle Klaus Altmeyer und Rolf-Dieter Ganz sowie Hannelore Schwarz (Grafikerin im Ruhestand) und Karl-Heinz Schmieding, ehemaliger SR-Kabarett-Redakteur und Hörfunk-Unterhaltungschef.

Plakat: Hüschs Gesellschaftsabend (Foto: SR)
Das „Stühle-Motiv“ für Hanns Dieter Hüschs Gesellschaftsabende (Plakat und Deko) wurde Hildebrands populärster „Wurf“.

Hüsch und Schmieding (Foto: R. Ruppenthal)
Hüsch und Schmieding besprechen die „Lage“.

Klaus Altmeyer erinnerte sich als Auftraggeber auch an eine Nische für den Grafiker Hildebrand: das Gestalten von Post-Sonderstempeln, die für besondere Anlässe angefertigt wurden. Ein über das kollegiale Verhältnis hinausgehender Kontakt bescherte Rolf-Dieter Ganz einen Mallorca-Urlaub der besonderen und kunstbeflissenen Art beim Ehepaar Hildebrand. Hannelore Schwarz profitierte als junge angehende Grafikerin vom Können und der langjährigen Berufserfahrung ihres damaligen Chefs. Karl-Heinz Schmieding, der wie Wolfgang Drescher (sein Vorgänger als Kabarettredakteur) zu den Hauptauftraggebern Hildebrands gehörte, erinnert sich, dass mindestens ein Plakat wohl 1970 bei einem Grafikwettbewerb in Polen eine hohe Auszeichnung erhielt – vermutlich jenes, das für einen Auftritt des Berlin-Münchner Kabarettensembles „Die Hammersänger“ angefertigt wurde:

Plakat: Hammersänger (Foto: SR)
Das „ausgezeichnete“ Plakat zum Auftritt der „Hammersänger" mit dem Fritz Maldener Ensemble (1969)

Aber alle hatten „seit langem“ keinen Kontakt mehr zu Hildebrand. „Ob er noch lebt?“ konnte niemand beantworten. Recherchen im Internet gaben praktisch gar keine Hinweise auf K. Lothar Hildebrand.

Also gehe ich auf direkte Personensuche über Einwohnermeldebehörden. Laut Bürgeramt Riegelsberg war Hildebrand, wie bereits erwähnt, im Juni 1981 von dort nach Berlin umgezogen. Dort wäre er wohl als selbständiger Grafiker/Designer tätig. Nachfragen im Pressearchiv unseres ARD-Partnersenders RBB bleiben ergebnislos. Anfang Februar 2017 schreibe ich einen Brief (mit offiziellem SR-Briefpapier!) an das Bürgeramt Berlin-Charlottenburg. Keine Reaktion! Nach drei Wochen versuche ich telefonisch dort „zu landen“. Bleibe immer wieder in Call-Center-Warteschleifen hängen, bis ich dann doch „durchkomme“: Eine resolute Dame am anderen Ende: „Haben Sie denn die 10.- € Bearbeitungsgebühr überwiesen? Nee? Ja dann läuft bei uns nix!“ Weitere Gespräche führen (vorerst) nicht weiter. Man sagt mir, dass Auskünfte dieser Art mehrere Monate Wartezeit in Anspruch nehmen würden. Ein verzweifelter Anruf bei der zuständigen Pressestelle hilft weiter. Eine freundliche Dame kann beim Bürgeramt (sic!) ermitteln, dass Hildebrand 1993 in den sog. (nördlichen) Berliner Speckgürtel verzogen ist, und zwar in die Gemeinde Mühlenbecker Land. Ich faxe sogleich meine Anfrage ins dortige Rathaus – vier Tage später bekomme ich ein Antwortschreiben (nebst Überweisungsschein für die Bearbeitungsgebühr). Demnach ist Hildebrand am 3. Dezember 2008 auf Mallorca in Sineu verstorben.

Dass er und seine Frau seit Jahrzehnten schon eng mit Mallorca verbunden waren, ein Haus in Sineu hatten, dies wusste ich ja bereits von ehemaligen Kollegen und Kolleginnen. Der Hinweis auf die malerische Gemeinde in der Inselmitte animiert mich, im Internet zu recherchieren. Nur ein Treffer, aber mit entscheidender Information. Demnach hat Hildebrand noch kurz vor seinem Tod 2008 das Plakat für eine gemeinsame Ausstellung („Matrimonio“) mit anderen regionalen Künstlern gestaltet. Wie schon Rolf-Dieter Ganz erwähnt hatte, war Hildebrand also auch dort noch künstlerisch aktiv gewesen.

Auf der Website von Sineu finde ich einen Link zur Gemeindebibliothek. In Englisch schreibe ich meine Kollegin, Antònia Real Noguera, an, frage nach Lothar Hildebrand – eine Stunde später bekomme ich bereits Antwort – in Englisch: „Ich hatte das Vergnügen, Mr. Lothar und seine Frau in Sineu zu begegnen. Beide kamen in unsere Bibliothek, um in einem Kurs Katalanisch zu lernen. Mr. Lothar nahm an mehreren Ausstellungen lokaler Künstler teil. In der Tat gestaltete er hierfür auch Plakate.“ Schon wenige Tage später legt Frau Noguera nach, vermittelt weitere Details, u. a. dass Hildebrand gemeinsam mit dem Kulturamtsleiter von Sineu die Ausstellungen organisierte.

Plakat Sineu (Foto: Biblioteca municipal deSsineu)
Eines der letzten von Hildebrand entworfenen Plakate

Weitere Recherchen ergeben: In seiner Saarbrücker Zeit hatte K. Lothar Hildebrand auch für das Staatstheater Plakate entworfen. Kurz danach gestaltete er ab 1981 auch Bucheinbände für den Verlag de Gruyter. Beim SR hatte Hildebrands langjähriger Kollege Richard Kirst (* 1930 † 2004) derweil den Bereich „Grafik und Design“ übernommen.

Richard Kirst (Foto: H. Schwarz/SR)
Grafikerkollege Richard Kirst bei der Arbeit

Die Sichtung und Katalogisierung der Hildebrand-Plakate für den SR hat derweil ergeben: In den 1960er und 1970er Jahren ist er der herausragende Gestalter. Ein Teil seiner frühen Arbeiten für den SR liegt allerdings nicht mehr im Original vor. Aber es gibt sie noch auf Fotos, die auf Initiative von Karl-Heinz Schmieding in einen kleinen Katalog – vermutlich in den 1970er Jahren – aufgenommen wurden:

Katalogcover SR (Foto: SR)
Katalogcover SR

Prof. Dr. Rolf Sachsse, Prorektor für Lehre und Wissenschaft an der HBK (Hochschule der Bildenden Künste Saar) und Professor für Designgeschichte und -theorie hat sich für den SR mit Hildebrands Plakaten befasst. So würdigt er diese Arbeiten und ihren künstlerischen Gestalter, der dem SR zu „Ansehen“ verholfen hat:

„K. Lothar Hildebrand repräsentiert mit seinen Plakaten für den Saarländischen Rundfunk genau die Sentenz von Franz Mon: ‚Ein Plakat ist eine Fläche, die ins Auge springt‘. Dazu bedarf es eines guten Gefühls für die Wirkung von Schrift – nicht unbedingt Typografie –, die er von seinem Berliner Lehrer Willem Hölter, einem Plakatmaler mitbekommen hat. Für seine Arbeit beim SR hat Hildebrand die zeitgenössische Szene, insbesondere die französische Schule mit Roger Platiel und die später so genannte Kasseler Schule mit Hans Hillmann und Christian Chruxin genau beobachtet – diese Einflüsse sind unverkennbar. Das gilt für die großen, meist handgezeichneten Schriften genauso wie für die sparsam gesetzten, aber genau deshalb unverkennbaren Akzente in der Illustration aus Zeichnungen, Collagen und Fotografiken.

Chanson de Paris (Foto: SR)

Plakat: Allein gegen Alle (Foto: SR)
Plakat-Klassiker für legendäre SR-Veranstaltungsreihen

Die Plakate von K. Lothar Hildebrand für den Saarländischen Rundfunk können als die großartige Entdeckung dieser Ausstellung gewertet werden. Auch wenn er jeden Entwurf vollkommen neu gesetzt hat, bleibt doch eine einzigartige Handschrift erkennbar, die weit über jede Zeitgenossenschaft hinausragt: ein sicherer Umgang mit Schrift und Typografie, eine stark kontrastierte und immer ins Auge fallende Farbigkeit, eine präzise Mischung aus motivischem Eye Catcher und genauer Information auf jedem einzelnen Plakat. Genau zwei Jahrzehnte dauerte seine Arbeit für den SR, bevor er sich für den Rest seines Lebens mit Buchgestaltung und Druckgrafik beschäftigte – aber in diesen zwei Jahrzehnten hat er nicht nur dem SR eine grafische Identität verschafft, sondern sich selbst in den Olymp der deutschen Plakatkunst gehoben.“

Redaktion für den Arbeitskreis SR-Geschichte: Axel Buchholz; Mitarbeit: Eva Röder (Gestaltung/Layout)

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