Dieter Wedel (Foto: dpa)

Wedel/#MeToo: SR-Taskforce übergibt vorläufigen Abschlussbericht

  12.04.2018 | 09:00 Uhr

Wedel/#MeToo: SR-Taskforce übergibt vorläufigen Abschlussbericht zu den Vorgängen rund um die Telefilm Saar-Produktion „Bretter, die die Welt bedeuten“ – SR-Justitiar Bernd Radeck: „Funktionsträger von TFS und SR sind ihrer besonderen Verantwortung nicht gerecht geworden“.

Die beim Saarländischen Rundfunk eingerichtete Taskforce zu den Vorgängen im Zusammenhang mit der Serienproduktion „Bretter, die die Welt bedeuten“ in den frühen 1980er Jahren hat der Geschäftsleitung des SR heute ihren vorläufigen Abschlussbericht übergeben. Sie bezeichnet den Bericht als vorläufig, da nicht ausgeschlossen werden kann, dass es weitere aussagekräftige Unterlagen gibt, die aber derzeit nicht bekannt sind.

SR- Intendant Professor Thomas Kleist sagte dazu: „Die Vorwürfe, die in Zusammenhang mit der Telefilm-Produktion aufgetaucht sind, haben nochmal unser aller Bewusstsein dafür geschärft, was alles möglich ist. Es war hart erfahren zu müssen, wie die damaligen Ereignisse als `Privatsache´ behandelt worden sind und wie wenig nachhaltig den Betroffenen geholfen und Beistand geleistet wurde. Auch wenn es schwer fällt sich vorzustellen, dass sich nach den gesellschaftlichen Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte und gerade auch der aktuellen #MeToo-Debatte Verantwortliche heute noch in dieser Weise verhalten könnten, müssen wir trotzdem davon ausgehen, dass Macht- und Funktionsmissbrauch in jedem Unternehmen von der Größenordnung des SR vorkommen können.

Wir müssen deshalb einerseits alles daran setzen, dass Betroffene Hilfe bekommen und dies auch nachhaltig geschieht. Andererseits brauchen wir in den Unternehmen Angstfreiheit im täglichen Umgang miteinander, Respekt voreinander und ein Klima, das Betroffenen wie Verursachern widerspiegelt, dass Macht- und Funktionsmissbrauch nicht toleriert werden. Beim SR waren wir schon vor der #MeToo-Debatte durch unser Projekt `Wir im SR: Zusammen besser´ ein gutes Stück auf diesem Weg vorangekommen, haben aber auch – und das war ja Grund für die Einsetzung der Taskforce – unsere Lehren aus dem Fehlverhalten der damaligen SR- und Telefilm-Verantwortlichen gezogen und direkte Konsequenzen für das Unternehmen daraus entwickelt.“

Kleist begrüßte, dass die ARD die Einrichtung einer zentralen Anlaufstelle der Filmbranche für Betroffene sexueller Übergriffe angestoßen habe und sich an ihr beteilige. Auch im SR werde noch einmal besonders auf die vorhandenen internen und externen Anlaufstellen hingewiesen und auch die Führungskräfteschulungen würden sich des Themas noch einmal ausdrücklich annehmen. Im Übrigen wird der SR im Lichte der #MeToo-Debatte sexuelle Belästigung/Übergriffe im Canon der Compliance-Tatbestände deutlicher hervorheben und sein diesbezügliches Compliance-Management neu ausrichten.  

Der SR-Intendant bedankte sich bei den Mitgliedern der Taskforce, der neben dem Justitiar auch die Leiterin der Intendanz, Armgard Müller-Adams, und der Leiter der Unternehmenskommunikation, Peter Meyer, angehörten, für die sorgfältige Arbeit und die Bewertung der damaligen Vorgänge.

Der Leiter der Taskforce, Justitiar Bernd Radeck, wies bei der Übergabe nochmals auf den Auftrag der Taskforce hin: das seinerzeitige Verhalten der Verantwortlichen bei der Produktionsfirma und beim Saarländischen Rundfunk aufzuklären - nicht um Schuld zuweisen zu können, sondern um Schlüsse und Konsequenzen im Sinne der heutigen und der künftigen Generationen daraus ziehen zu können. Es sei nicht Aufgabe gewesen zu klären, ob die von den zwei Darstellerinnen unabhängig voneinander schon während der Dreharbeiten erhobenen Vorwürfe zuträfen.

Vor diesem Hintergrund fasste Radeck die Arbeit der Taskforce wie folgt zusammen: „Insgesamt sind die damaligen Funktionsträger bei Telefilm Saar und SR  an heutigen Maßstäben gemessen der besonderen Verantwortung, die nach der Erhebung der Vorwürfe angebracht gewesen wäre, nicht gerecht geworden.“

„Bei der Recherche geholfen hat uns einerseits der Zufall, dass nämlich jenseits gesetzlicher Aufbewahrungspflichten überhaupt noch Akten aus der damaligen Zeit zugänglich waren und andererseits der Umstand, dass die Produktionsfirma Mitte der 2000er Jahre liquidiert worden ist, andernfalls hätte sich die Einsicht in die allerdings unvollständigen Akten deutlich schwieriger gestaltet“, sagte Radeck. „Für die Zukunft müssen wir vertraglich absichern, dass der Auftraggeber in einem solchen Fall ein Akteneinsichtsrecht hat. Ich bin mir sicher, dass wir insoweit mit der Produzentenallianz an einem Strang ziehen“.

Dieser Pressemitteilung ist eine Kurzzusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse angehängt. Der vorläufige Abschlussbericht der Taskforce ist in einer weitgehend anonymisierten und um Quellenangaben gekürzten Fassung im Online-Angebot des SR auf: http://www.sr.de/sr/home/der_sr/kommunikation/publikationen/liste_publikationen100.html verfügbar.

Anlage zur Pressemitteilung des SR vom 12.04.2018

Wesentliche Ergebnisse der SR-Taskforce „Bretter, die die Welt bedeuten“

Die Taskforce sieht folgende Faktoren, die in ihrem Zusammenspiel den Ablauf der Ereignisse begünstigt, wenn nicht gar möglich gemacht haben:

  • die Machtkonzentration bei Dr. Dieter Wedel, der gleichzeitig als Regisseur, Drehbuchautor, Chef der Casts, Miteigner der faktischen Produktionsfirma fungierte;
  • die Personalunion von Fernsehdirektor des SR und zweitem Geschäftsführer der TFS;
  • der Wunsch des SR und der TFS, von Glanz und Größe des damals bereits prominenten Regisseurs zu profitieren;
  • wachsender wirtschaftlicher Druck bei der Erstellung der Produktion;
  • ein gesellschaftliches Klima und Frauenbild sowie ein Hierarchiedenken, die heute überholt  sind.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Funktionsträger ihrer besonderen Verantwortung nicht gerecht geworden sind.

Verantwortung der damaligen Hausspitze

Wir wissen heute, dass bereits kurz nach der mutmaßlichen versuchten Vergewaltigung von Frau Gemsch (Christinat) durch Herrn Dr. Wedel im Dezember 1980 die Geschäftsleitung der Telefilm Saar und damit mindestens auch der SR-Fernsehprogrammdirektor von den Vorwürfen wussten. Wir wissen auch, dass in der Folge seitens der Verantwortlichen nicht konsequent gehandelt worden ist. Den Betroffenen wurde kein nachhaltiger Schutz gewährt. Und wir wissen, dass spätestens im Herbst 1981 auch der Intendant und die übrigen Mitglieder der damaligen SR-Geschäftsleitung von den Vorfällen erfahren haben.

Die SR-Verantwortlichen von damals können aus unterschiedlichen Gründen heute nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden. Ziel der Taskforce war aber auch nicht die nachträgliche Sanktion möglichen Fehlverhaltens. Vielmehr ging es darum, das damalige Verhalten der in TFS und SR Verantwortlichen aufzuklären und Handlungsempfehlungen für die Gegenwart abzuleiten. Die die Vorfälle begünstigenden Faktoren, die diese Analyse ergeben hat, sind oben beschrieben.

Verhalten gegenüber Opfern

Der SR hat nach der Publikation der Vorwürfe in der ZEIT vom 25. Januar 2018 die beiden mutmaßlichen Opfer auf den Halberg eingeladen, um Mithilfe bei der Aufklärung gebeten und ihnen dadurch auch die Möglichkeit schaffen, Gehör zu finden. Dabei hat der SR sein Bedauern über die Geschehnisse zum Ausdruck gebracht und sich für die Mitwirkung bei der Aufklärung des Sachverhaltes bedankt. Frau Christensen war auf dem Halberg, wo auch ein klärendes Gespräch mit dem Intendanten stattfand. Frau Gemsch (Christinat) hat in ihrer Heimatstadt Zürich mit dem Leiter der Taskforce, Bernd Radeck, ein Gespräch geführt.

Weitergehende Konsequenzen:

Bei der Aufarbeitung der Vorfälle rund um „Bretter, die die Welt bedeuten“ geht es dem SR nicht „nur“ um sexualisierte Gewalt und wie man ihr vorbeugen oder gegebenenfalls sanktionieren kann, sondern auch um Macht- im Sinne von Funktionsmissbrauch und Diskriminierung, die auch ohne sexuelle Konnotation und nicht nur Frauen widerfahren kann. Schon vor Bekanntwerden der Vorwürfe gegen Dieter Wedel hatte der SR

  • zur Vorbeugung und zur Unterstützung eines vertrauensvollen Umgangs miteinander diverse Anlaufstellen geschaffen, die im Ernstfall Betroffenen Rat und Hilfe anbieten.
  • seit Beginn des Projekts „Wir im SR: Zusammen besser“ das Thema angstfreie, offene Kommunikation auf Augenhöhe und partnerschaftliche Führung über Hierarchiegrenzen hinweg adressiert.

Neben diesen Maßnahmen zur Stärkung einer anderen Unternehmenskultur wird der SR zudem diese Schritte unternehmen:

  • Deutlichere Hervorhebung von Vorgängen wie sexuellen Belästigungen/Übergriffen im Canon der Compliance-Tatbestände;
  • Neuausrichtung des diesbezüglichen Compliance-Managements;
  • Bei den Schulungen für Führungskräfte wird das Thema künftig eine bedeutendere Rolle spielen.
  • Insgesamt wird der SR vielfältige Maßnahmen ergreifen, die geeignet sind, dass Führungskräfte beim SR partnerschaftlich führen – im Sinne einer Organisation, in der Vertrauen und Respekt zu den handlungsleitenden Parameter gehören.

Der SR ist sich bewusst, dass Respekt und Vertrauen in die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vorgelebt werden müssen und es eines nachvollziehbaren Sanktionsverhaltens im Fall von Regelverstößen bedarf.

Der SR hat das Thema in die Runde der ARD-Intendantinnen und -Intendanten eingebracht; in der Folge wurde die Schaffung einer unabhängigen Anlaufstelle für die gesamte deutsche Filmbranche beschlossen.

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