Eine Mutter mit einem Kleinkind greift nach ihrem Handy. (Foto: Imago/Westend 61)

Smartphone-Eltern – wenn Eltern mehr aufs Handy als aufs Kleinkind schauen

Kinder verbringen zu viel Zeit am Smartphone. Da sind sich die meisten Eltern einig. Dabei sind sie selbst oft nicht besser. Ob auf dem Spielplatz oder beim Stillen – der Blick landet schnell beim Smartphone statt beim eigenen Kind. Damit sind Eltern schlechte Vorbilder. Und ganz wichtig: Wenn Mama und Papa ständig aufs Handy starren, kann das auch ernste Folgen für die Entwicklung der Kinder haben. Lisa Krauser hat sich umgehört.

Wenn Bärbel Mertiny ihrem Sohn Carl Bücher vorliest, bedeutet das für ihn: Volle Aufmerksamkeit von Mama. Wenn nicht gerade das Smartphone dazwischen funkt. Doch das versucht die Mutter von drei Kindern zu vermeiden. „Ich bemühe mich grundsätzlich, das Handy tagsüber gar nicht in die Hand zu nehmen und auf der Seite liegen zu lassen, aber es kommt natürlich schon vor, dass man eine Nachricht kriegt und dann schau ich schon nach, wer es war und schreib eventuell auch zurück und dann merk ich schon, dass ich ein paar Minuten am hin und herschreiben bin. Und merk es dann auch, wenn mein Sohn schaut, und lege es dann auch wieder auf die Seite.“

Wir im Saarland - Service: Smartphone-Eltern (09.01.2018)
Video [SR Fernsehen, (c) SR, 09.01.2018, Länge: 04:37 Min.]
Wir im Saarland - Service: Smartphone-Eltern (09.01.2018)

So geht es nicht nur Bärbel Mertiny. Bei den meisten Eltern gehört das Smartphone einfach dazu. Um den Alltag zu organisieren oder mit Freunden in Kontakt zu bleiben. Auch im Eltern-Kind-Café „Gelümmel und Getümmel“ sind Smartphones keine Seltenheit, erklärt Mitarbeitern Alina Matt: „Die Mamas tauschen sich aus, gucken Fotos zusammen und ich von mir zu Hause kenne das auch, wir haben 'ne Zweijährige, und wir gucken sogar zusammen Fotos auf dem Handy. Und ich find das auch nicht schlimm, solange das in 'nem gewissen Maß ist.“

Viele Eltern plagt das schlechte Gewissen

Doch viele andere Eltern scheint das schlechte Gewissen zu plagen. In einer Studie der Humboldt-Universität Berlin und der Uni Bern bewerteten nur 18 Prozent der befragten Eltern ihr eigenes Smartphone-Verhalten im Zusammenhang mit ihren Kindern als unproblematisch. Problematisch wird es dann, wenn Kinder ständig das Gefühl haben, das Smartphone sei wichtiger als sie selbst - erklärt die Kinderpsychiaterin Eva Möhler. Sie warnt: Wenn Kleinkinder um den Blick ihrer Eltern kämpfen müssen, kann das ihrer Entwicklung schaden: „Insbesondere im ersten, aber auch im zweiten und dritten Lebensjahr ist es von unglaublicher Bedeutung, dass Eltern mit ihrem Kind direkt interagieren, dass auch ein Kontakt Gesicht zu Gesicht stattfindet, damit das Kind lernen kann, dass Gefühle gespiegelt werden, wie soziale Interaktionen überhaupt stattfinden, das Kind kann dadurch Sozialkompetenzen bekommen, und Selbstwirksamkeit bekommen, ich kann in meiner Umgebung was bewirken.“

Kinder ziehen sich emotional zurück

Fällt dieser direkte Kontakt vermehrt weg, kann das negative Folgen haben. Laut der Expertin zeigt eine erste Studie, dass Kinder, die wegen des Smartphones häufig hinten angestellt werden, weniger Sozialkompetenzen entwickeln und eher an Depressionen leiden. Prof. Eva Möhler: „Sie müssen sich das so vorstellen, ich versuche, etwas zu machen oder einen Austausch zu initiieren, und niemand antwortet mir, und wenn das eine wiederholte Erfahrung ist, die ich gerade in jungen Jahren mache, dann hat das natürlich Auswirkungen darauf, wie ich mich selbst und auch die Welt sehe. Wir nennen das erlernte Hilflosigkeit. Oder auch verminderte Selbstwirksamkeit, also ich kann nichts bewirken und das macht ohnmächtig und letztlich auch traurig.“

Plakataktion im Saarland soll Eltern aufmerksam machen

Auch Hebammen, Ärzte und Erzieher schlagen Alarm. Deshalb hat das Sozialministerium im vergangenen Jahr eine Plakataktion gestartet, um Eltern in Kindergärten und Krankenhäusern auf das Problem aufmerksam zu machen. Mitarbeiterin Martina Engel-Otto: „Wir wollten den Eltern über eine einfache Bildsprache ins Bewusstsein rufen, wie sie sich verhalten, aber das wollten wir auch ohne erhobenen Zeigefinder tun und haben deshalb diese Version gewählt – die ersten Worte nicht gehört, verpassen sie nicht das wahre Leben, einfach um den Eltern zu signalisieren, dass sie etwas verpassen, dass sie viele schöne Momente mit ihrem Kind einfach verlieren, wenn sie nicht aufmerksam sind.“

Wir im Saarland - Service: Interview zum Thema Smartphones (09.01.2018)
Video [SR Fernsehen, (c) SR, 09.01.2018, Länge: 04:06 Min.]
Wir im Saarland - Service: Interview zum Thema Smartphones (09.01.2018)

Deshalb sollten sich Eltern klare Grenzen setzten. Zum Beispiel Zeiten festlegen, in denen das Handy tabu ist. „Das heißt, während der Stillzeit, der Fütterzeit, auch während Spielsequenzen sollte das Kind die volle Aufmerksamkeit haben. Dann bei Situationen wie Wickeln und Baden ist das natürlich immer auch eine Gefahrenquelle, wenn man sich dem Handy widmet und nicht nach dem Kind schaut.“

Bei den Mertinys soll das Smartphone auch in Zukunft Nebensache bleiben - aus einem pädagogischen, aber auch aus einem ganz praktischen Grund. „Ich denke, man hat ja ´ne Vorbildfunktion, und wenn man selber die ganze Zeit am Handy rumspielt, dann muss man sich auch nicht wundern, wenn die Kinder das später auch mal machen, wenn sie Handys haben. Und Kinder achten halt eher darauf, was man vormacht, als das, was man sagt. Außerdem hab ich drei Kinder, bald vier und ich hab eh keine Zeit, mich viel mit dem Handy zu beschäftigen.“ Und deshalb bleibt das Smartphone am besten einfach mal aus.

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