Ein Auto wird an einer Tankstelle mit Diesel betankt. (Foto: dpa)

Dieselgate – Achtung: der Countdown läuft

Gut zwei Jahre nach dem Dieselskandal ist die Rechtslage noch immer unklar. Während Kunden in den USA großzügig abgefunden wurden, muss in Deutschland jeder einzeln klagen.  Und der Countdown läuft: Wichtige Verjährungsfristen laufen Ende Dezember ab. Wie können betroffene Autobesitzer darauf reagieren?

Wir im Saarland - Service: Dieselgate – Achtung: der Countdown läuft (05.12.2017)
Video [SR Fernsehen, (c) SR, 05.12.2017, Länge: 07:56 Min.]
Wir im Saarland - Service: Dieselgate – Achtung: der Countdown läuft (05.12.2017)

Der Dieselgipfel vergangene Woche. Das Ergebnis: Hersteller schließen eine Hardware-Nachrüstung weiter aus. Ein freiwilliges Software-Update und eine Abwrackprämie für alte Diesel soll für weniger Schadstoffe sorgen. Im Gegenzug erwarten die Hersteller freie Fahrt auch für alte Fahrzeuge. Eine Zusage, die von der Bundesregierung gar nicht gegeben werden kann. Es sei denn, sie schafft den Rechtsstaat ab.

Viele Probleme nach Software-Update

Josef Baron ist Kfz-Meister. Sein VW Amarok hat schon, was Millionen Dieselfahrzeuge nun bekommen sollen. Ein Software-Update. Vom Ergebnis ist Josef Baron aber wenig begeistert: "Das Auto macht einfach keinen Spaß mehr. Läuft nicht mehr wie vorher." Baron klagt über schlechtere Leistung und höheren Verbrauch. Und nicht nur das ärgert den Kfz-Meister. Schon zwei Wochen nach dem Update meldete das Auto zum ersten Mal Probleme mit dem Ventil für die Abgasrückführung und mit dem Partikelfilter.

Baron erklärt: "Ich denke mal, dass durch dieses Update die Abgasrückführungsrate erhöht wurde, um die Stickoxide zu senken und dadurch ist das Abgasrückführungsventil einfach überlastet worden." Der Wechsel: Aufwendig. Für den Kfz-Meister über sechs Stunden Arbeit. In einer Werkstatt wäre ein vierstelliger Betrag fällig. "Normaler" Verschleiß, sagt VW.

Software-Update bringt Umwelt kaum etwas

Auch für die Umwelt wird das angekündigte Softwareupdate wenig bringen. Untersuchungen des ADAC bei Euro 5-Fahrzeugen haben gezeigt, dass bestenfalls 25 Prozent weniger Schadstoffe erreicht werden können. Dr. Reinhard Kolke vom ADAC sagt dazu: "Eine Emissionsminderung am Fahrzeug um 25 Prozent wird nicht ausreichen als alleinige Maßnahme, um die Luftqualität in hoch belasteten Straßen zu verbessern. Wir benötigen tatsächlich einen Mix und wir sollten auch über die Nachrüstung mit Katalysatoren und Harnstoffsystemen sprechen."

Fast 100 Prozent Stickoxidreduzierung durch AdBlue-Einspritzung

Wie das geht, zeigt der Mittelständler Twintec. Statt mit neuer Software wurde ein VW-Passat mit einer komplett neuen Abgasreinigung nachgerüstet. Der Motor schnurrt. Und die Schadstoffmessung übertrifft die kühnsten Erwartungen an jedes Softwareupdate bei Weitem! Henning Middelmann, Twintec Technologie GmbH, erklärt: "Wir sehen die Stickoxide vor dem System. Wir sehen die Stickoxide nach dem System. Wobei wir hier praktisch überhaupt nichts von dem Balken derzeit sehen, weil wir fast 100 Prozent Stickoxidreduzierung haben."

Im Schnitt sind es weit über 90 Prozent. Erreicht wird das durch das Einspritzen von AdBlue, einer Mischung aus Harnstoff und Wasser. Ein großer Tank dafür passt in die Ersatzrad-Mulde. Dazu ein Steuergerät und eine Heizung, damit die Reinigung praktisch vom Start weg funktioniert. Gar kein Hexenwerk, sondern Stand der Technik. Zusammengebaut aus Serienteilen von VW.

Preiswerter und ökologischer als Neukauf

Henning Middelmann versichert: "Das System können Sie unabhängig von der Marke in unterschiedliche ältere Dieselfahrzeuge einbauen. Es kostete derzeit – wir haben das durchkalkuliert – 1.500 Euro plus Einbau."

Trotz Abwrackprämie wäre das immer noch billiger und ökologischer als ein Neukauf. Denn: Die Nachrüstung macht den alten Passat von Twintec sogar sauberer als die meisten neuen Modelle mit Euro-6b. Axel Friedrich von der Deutschen Umwelthilfe testet die Fahrzeuge schon seit Jahren unter realen Fahrbedingungen. Die Ergebnisse sind erschreckend. Und oft sogar schlechter als bei älteren Motoren. Er erklärt: "Wir haben einige wenige Fahrzeuge Euro 6, die auch die Vorschriften einhalten. Und wir haben eine ganze Reihe erschreckende Werte: Über 1.000 Milligramm Stickoxide pro Kilometer bei einem Grenzwert von 80 Milligramm. Das heißt: Diese Fahrzeuge haben mehr als den Faktor 20 höhere Emissionen als der Gesetzgeber zulässt. Wie kann sowas gehen?"

Ganz einfach: Die Abgasreinigung mit AdBlue arbeitet oft nur in ganz bestimmten Betriebszuständen. Messungen der Deutschen Umwelthilfe zeigen, dass zum Beispiel getestete Modelle ab 800 Metern Höhe, über Tempo 120 oder unter 10 Grad Außentemperatur die Wirkung stark vermindern. Unter 10 Grad ist es in Deutschland die Hälfte des Jahres.

Kein Schuldbewusstsein bei den Herstellern

Die so genannten "Thermofenster“ dienen angeblich dem Schutz des Motors. Und das sei im Interesse der Kunden, argumentieren die Hersteller. Dr. Axel Friedrich von der Deutschen Umwelthilfe: "Das ist eine unglaubliche Behauptung. Die Vorschrift verlangt, dass das System unter normaler Verwendung oder unter 'normual use' funktionieren muss. Und keiner wird sagen: Temperaturen unter 10 Grad sind keine normale Verwendung. Wir haben für Bremsen die gleiche Vorschrift. Und keiner wird sagen, die Bremse muss unter 10 Grad nicht funktionieren."

Der ADAC kommt zu ganz ähnlichen Ergebnissen. Im Alltag ist die Abgasreinigung fast immer unzureichend. Das senkt Kosten und erspart dem Kunden lästiges Nachfüllen von AdBlue. Dr. Reinhard Kolke vom ADAC dazu: "Insofern haben die Automobilhersteller offensichtlich auf Grundlage der Entscheidungen in Vertriebsabteilungen und den Marketingabteilungen Entscheidungen getroffen, die Kosten der Abgasnachbehandlung möglichst gering zu halten, möglichst selten Harnstoff nachzutanken. Mit dem Ergebnis, dass wir heute viel zu hohe Emissionen haben."

Die Hersteller haben glänzende Gewinne eingefahren, aber von Schuldbewusstsein keine Spur. Obwohl es kaum teurer wäre, einen rund um die Uhr sauberen Diesel zu bauen, wenn die AdBlue-Anlage ohnehin da ist.

Riesengeschäft für Hersteller mit hausgemachtem Riesen-Skandal

Dr. Axel Friedrich von der Deutsche Umwelthilfe ist sicher: "Einen sauberen Diesel zu produzieren würde zwischen 70 und 300 Euro mehr kosten. Damit könnte man das Fahrzeug wirklich sauber machen. Es geht immer nur ums Geld zu Lasten der Gesundheit der Menschen. Zu Lasten der Natur. Das ist unakzeptabel."

Aber ohne Folgen für die Verantwortlichen. Josef Baron wollte VW verklagen. Dafür müsste er aber rund 8.000 Euro vorschießen. Das Risiko ist ihm zu groß. Von der Politik fühlt er sich im Stich gelassen und sagt: "Es wird versucht, die Besitzer dieser Autos für dumm zu verkaufen. Das ist ganz klar, weil wenn man dieses Hintergrundwissen hat, weiß man, dass das so einfach unmöglich ist das Abgasverhalten zu verbessern ohne dieses Auto umzurüsten."

Sogar er als Fachmann ist ratlos, was er jetzt machen soll. Derweil locken die Hersteller schon mit Verschrottungsprämien für die Autos, die sie selbst verhunzt und entwertet haben. So macht man aus einem Riesen-Skandal ein Riesengeschäft.

Ein Beitrag unseres Kollegen Ingo Blank

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