Europäische Akademie in Otzenhausen (Foto: SR)

Aktives Friedensprogramm: Die Europäische Akademie in Otzenhausen

Bei Live-Action-Role-Plays denkt man schnell an Fantasy-Fans, die sich als Elfen und Zauberer in fremde Welten träumen. In der Europäischen Akademie Otzenhausen dagegen nutzt man Rollenspiele, um Jugendliche für den Frieden in Europa zu sensibilisieren. Junge Deutsche und Franzosen spielen während einer gemeinsamen Woche in der Akademie den Wiederaufbau Europas nach dem zweiten Weltkrieg nach und entwickeln kreative Ideen für ein friedliches Miteinander der europäischen Staaten.

1945: Europa ist ein Trümmerfeld. Millionen Menschen sind umgekommen, Millionen Häuser zerbombt, die Wirtschaft ist am Boden. Die Staaten versuchen einen Neuanfang. In einem Rollenspiel sollen die Seminarteilnehmer in Otzenhausen diesen Wiederaufbau nacherleben. Die umgekippten Tische und Stühle, die im Seminarraum auf dem Boden liegen, sollen zerstörte Nationalstaaten symbolisieren. Jeder Staat hat bestimmte Güter - dargestellt zum Beispiel durch Gläser, Wasser oder Kerzen -, die andere Staaten nicht haben. Die Gruppen müssen also in verschiedene Länder reisen, handeln und tauschen.

Video [Wir im Saarland - Grenzenlos, 05.02.2018, Länge: 5:01 Min.]
Aktives Friedensprogramm: Die Europäische Akademie in Otzenhausen

Selbst handeln und Ideen entwickeln

Das Rollenspiel mitentwickelt hat Seminarleiterin Antje Brandt. Sie hat schon einige europäische Jugendbegegnungen organisiert: „Wir wollen den Jugendlichen damit die EU-Geschichte näherbringen. Und zwar wollen wir nicht einfach nur Recherche mit ihnen machen. Das ist ja meistens sehr abstrakt. Sondern wir wollen einen emotionalen Zugang zur Geschichte finden, die die Jugendlichen praktisch selber nachspielen können, um das selbst nachzuerleben.“

Es dauert etwas, bis die Seminarteilnehmer begreifen, was zu tun ist. Einige zeigen zunächst keine große Lust mitzumachen. Aber schließlich kommt das Spiel doch in Schwung. Am Ende äußern sich die meisten Teilnehmer positiv. Der 18jährige Anthony Mietle aus Deutschland meint: „Also ich fand es schon gut, da man halt einen kleinen Einblick hatte, wie es damals war.“ Und die 17jährige Charline Thomas aus Frankreich stellt fest: „Das zwingt uns, mit anderen Nationalitäten zu kommunizieren, also hier mit Deutschen. Und Englisch zu sprechen, weil ich selbst kein Deutsch gelernt habe.“

Aus der Vergangenheit Europas lernen

Die deutschen Teilnehmer kommen aus Berlin, die französischen aus Lyon. Das Saarland ist ein idealer Ort der Begegnung, weil man von hier aus entscheidende historische Schauplätze besichtigen kann. Wie das Schlachtfeld von Verdun und der Friedhof mit den Gebeinen von zigtausenden Soldaten. Charline Thomas von diesem Ausflug: „Das Museum von Verdun, das Mémorial, das war ergreifend, das hat mich sehr berührt. Da wurde uns klar, wie schlimm das war, was damals passiert ist.“ Anthony Mietle nickt zustimmend: „Was mir bleibt, ist Verdun, da das schon sehr emotional war für mich. Da sehr viele Menschen da gestorben sind. Und so etwas kann man nicht einfach vergessen.“

Kommuniziert wird vor allem auf Englisch

Bei der deutsch-französischen Begegnung setzen Antje Brandt und ihre Helferinnen vor allem auf Interaktivität und das Spielerische. Es gibt kaum Vorträge, das meiste wird in binationalen Kleingruppen erarbeitet. Das gegenseitige Kennenlernen nimmt viel Raum ein. Dadurch nähern sich Deutsche und Franzosen langsam an. Zur Freude der Seminarleiterin: „Am ersten Tag war die Gruppe doch noch etwas schüchtern gewesen. Die Kommunikation hat noch ein bisschen gestockt, man musste sich erst mal beschnuppern. Das ist dann im Laufe der Woche auf jeden Fall besser geworden. Zum einen natürlich dazu, dadurch dass sie viel in binationalen Gruppen gearbeitet haben, in den Workshops. Aber auch dadurch, dass sie dann Zeit hatten am Abend, sich kennenzulernen.“

Da die Jugendlichen die jeweils andere Sprache nicht sprechen, sind bei den gemeinsamen Seminarteilen Dolmetscherinnen im Einsatz. In den binationalen Gruppen müssen die Teilnehmer sich anders arrangieren, erklärt Anthony: „Wir verständigen eigentlich uns meistens mit Englisch. Ansonsten halt über „Google Übersetzer“ und vielleicht auch ab und zu über Zeichensprache.“

Am Ende gibt es für alle Applaus

Zum Abschluss der Begegnung sollen die Teilnehmer in Kleingruppen kreativ werden und das Erlebte und Gelernte in irgendeiner Art von Performance vorführen. Charlines Gruppe zeichnet ein Interview auf und verschriftlicht es. Die Gruppe von Anthony entscheidet sich für einen Blog. Aber das will nicht so ganz gelingen: „Wir versuchen, die Tabelle in den Blog da reinzumachen. Aber die kann man halt nicht zentral einfügen, sondern die ist nur linksbündig.“ Macht nichts, bei der Vorführung der Ergebnisse wird ja kein Schönheitspreis verliehen. Und Applaus gibt es trotzdem. Das Fazit von Anthony nach einer Woche in Otzenhausen: „Ich nehme mit, dass die Franzosen eigentlich relativ nett sind. Ich habe zwar etwas Anderes erwartet, dass sie eher gemeiner sind oder hochnäsig, dachte ich eher. Aber eigentlich sind die ja so wie wir – eigentlich so wie jeder Mensch.“ Und Charline Thomas stellt fest: „Ich fand es toll, mit den Deutschen zu sprechen. Ich hätte nicht gedacht, dass das so gut klappt.“

Also darf auch Seminarleiterin Antje Brandt zufrieden sein. Viel Zeit zum Verschnaufen hat sie allerdings nicht. Nächste Woche organisiert sie schon die nächste Jugendbegegnung in Otzenhausen.

Adresse:

Europäische Akademie Otzenhausen gGmbH
Europahausstraße 35
66620 Nonnweiler
Telefon: 0049 6873 662-0
Fax: 0049 6873 662-150
E-Mail: info@eao-otzenhausen.de
Internet: www.eao-otzenhausen.de

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