Geplante Autobahn im Elsass (Foto: SR)

Hartnäckiger Protest: Besetzung gegen eine Autobahn im Elsass

In der Nähe von Straßburg, besetzen empörte Bürger ein Waldgebiet. Dadurch versuchen sie, den Bau einer neu geplanten Autobahnumfahrung zu verhindern. Ihre Hoffnung ist groß, denn Mitte Januar hat die französische Regierung ein umstrittenes Flughafenprojekt in der Nähe von Nantes aufgegeben – auch hier war das Baugebiet jahrelang von protestierenden Bürgern besetzt worden.

Claire lebt seit 6 Monaten in einem Bretterverschlag im Wald. Die 26-Jährige ist eine von insgesamt 10 Aktivisten, die seit August dauerhaft hier ausharren. Der Grund: Sie sind gegen ein neues Autobahnprojekt, das direkt durch dieses Waldgebiet führen soll. Deswegen besetzen sie die Zone, um einen Beginn der Baumaßnahmen zu verhindern. Claire findet:

„Dieses Projekt ist völlig überflüssig. Es nutzt der Bevölkerung nicht und noch weniger der Umwelt. Ich habe einfach die Nase voll davon, dass solche Projekte weiterhin realisiert werden, obwohl wir bereits seit 50 Jahren wissen, dass solche Projekte die Umwelt zerstören und in eine ökologische Sackgasse führen.“

Video [Wir im Saarland - Grenzenlos, 05.02.2018, Länge: 5:38 Min.]
Illegale Besetzung: Protest gegen eine Autobahn im Elsass

Gemeinschaft von 300 Aktivisten und Bürgern

Rund 50 Unterstützer kommen regelmäßig vorbei, versorgen die Besetzer zum Beispiel mit Essen. Insgesamt kämpfen bis zu 300 Aktivisten und Bürger der umliegenden Dörfer gegen das Autobahnprojekt. Martin ist einer von Ihnen. Die Polizei vertreibt sie bisher noch nicht von hier. Denn ihre Bretterverschläge stehen auf Privatgelände im Wald. Doch die Besitzer sollen enteignet werden. Aktivist Martin macht eine kleine Fürhung über das besetzte Gelände:

„Genau hier wäre ein 20 meterhoher Erdwall - in Höhe der Baumwipfel. Eine Brücke würde über den Kanal und den Fluss gebaut. Einer der schönsten Flecken Natur in der Gegend würde durch diese unnötige Autobahn völlig zerstört.“

Unterstützung von der Lokalpolitik

Das Verkehrsaufkommen rund um Straßburg steigt seit Jahren. Die Folge: Staus und hohe Luftverschmutzung. Die bestehende Autobahn führt direkt durch die Stadt. Die geplante Westumfahrung soll diese Probleme lösen.  Doch das gefällt bei weitem nicht allen. Das Dorf Kolbsheim liegt direkt an der geplanten Autobahntrasse. Auch der parteilose Bürgermeister Dany Karcher wehrt sich vehement gegen das Bauvorhaben und unterstützt die Aktivisten, obwohl sie den Wald besetzen:

„Diese Leute verhalten sich sehr bürgernah. Sie respektieren die Dinge anderer, die Natur und die Menschen. Sie sind nicht gewalttätig, aber entschlossen. Sie blockieren die geplante Strecke, stellen sich vor die Maschinen und Bäume. So wie sie sich bisher verhalten, habe ich mit Ihnen überhaupt kein Problem.“

Und er ist nicht der einzige Unterstützer. Auch die Pfarrerin von Kolbsheim hilft mit. Die geplante Autobahn liegt in Blickweite ihres Kirchturms. Als im September die ersten Maschinen zum Abholzen des Waldes anrückten, wurde sie von den Waldbesetzern informiert. Sie ließ daraufhin die Kirchenglocken läuten, um alle Dorfbewohner zu alarmieren.  Gemeinsam wehren sich die Kolbsheimer Bürger gegen das Autobahnprojekt.

Kein Verständis für die Besetzung

Doch der ein oder andere hat mit den Waldbesetzern dann doch ein Problem. „Es ist schon etwas schwierig und es stört das Dorfleben“, findet Marie-Rose Ruffenache, eine Bürgerin von Kolbsheim. Und der Kolbheimer Alfred Wagner meint: „Ich halte nicht viel von solchen Dingen. Man sollte sich an einen Tisch setzen, verhandeln und dann entscheiden: Ja oder Nein.“

Jean-Luc Heimburger, Präsident der Industrie und Handelskammer Elsass-Eurometropole, ist ein absoluter Befürworter der Autobahn. Er sagt: Ohne die neue Westumfahrung ist Straßburg wirtschaftlich nicht mehr konkurrenzfähig. Kilometerlange Staus und die hohe Luftverschmutzung seien nur durch die neue Autobahn zu beheben. Doch so hartnäckige Proteste, machen solche Großprojekte schwierig. „Wir müssen die Gegner akzeptieren und das können wir auch“, sagt Jean-Luc Heimburger. „Aber der Protest muss Grenzen haben, darf nicht gegen die Regeln des Rechtsstaates verstoßen. Wenn gewählte Politiker oder Bürgermeister solche Aktivisten empfangen, dann finde ich das persönlich schon sehr schlimm. Das ist eine Demokratie-Verweigerung und ein ganz schlechtes Beispiel, das wir so abgeben.“ 

Wo genau ist die Grenze des Protest?

Viele Kolbsheimer Bürger haben damit aber kein Problem. Sie wollen ihren Wald retten, versorgen deswegen die Aktivisten mit Lebensmitteln, Waschen ihre Wäsche oder bringen Ihnen frisches Stroh, wie Landwirt Jean Freyss. Die Besetzer wollen bis zum bitteren Ende kämpfen, auch Claire: „Es ist nicht vorhersehbar. Wenn eine Schlägerei beginnt, weiß ich auch nicht ob ich mir das gefallen lasse oder ob ich mich wehre. Ich werde das am Tag X entscheiden. Aber wir werden auf keinen Fall zurückweichen.“

Doch die Regierung in Paris will an dem Projekt festhalten. Bald könnten die Bauarbeiten beginnen. Wie wird sich der Lokalpolitiker Dany Karcher, Bürgermeister von Kolbsheim, dann verhalten?  „Kein Projekt rechtfertigt ein Blutvergießen“, stellt er fest. „Man darf nicht Entschlossenheit mit Gewalt verwechseln. Wir sind entschlossen, aber nicht gewaltbereit. Ich werde mich an einen Baum ketten, mich vor eine Maschine stellen, aber ich werde niemanden verprügeln.“

Und so harren Martin und seine Verbündeten weiter aus, in ihren Bretterverschlägen im Wald, immer mit der Angst, dass die Arbeiten beginnen könnten und immer bereit sich den anrollenden Baumaschinen in den Weg zu stellen.

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