Der Postbote besucht alte Menschen (Foto: SR)

Bezahlte Besuche: Eine neue Dienstleistung der französischen Post

Nathalie Specht ist seit 15 Jahren Postbotin im Elsass. Seit vergangenem Jahr aber trägt sie nicht mehr nur Briefe aus, sondern besucht in ihrem Dienst auch alte oder einsame Menschen. Denn die französische Post bietet eine neue Dienstleistung an: Kurzbesuche des Briefträgers von 1 bis 6 Mal pro Woche – gegen Bezahlung. Wie wird das neue Angebot in Frankreich angenommen und was halten die Saarländer davon?

Seit 15 Jahren trägt sie Briefe aus. Postbotin Nathalie Specht aus Molsheim bei Straßburg. Seit Anfang Juni gehört zu ihrer Arbeit aber nicht mehr nur das Briefe austragen. „Veiller sur mes parents“ – „Auf meine Eltern aufpassen“, heißt eine neue Dienstleistung der französischen Post. Nathalie Specht packt ihre Taschen für den Tag:

„Heute besuchen wir ein Ehepaar, dass sich für unser Angebot „Auf meine Eltern aufpassen“ entschieden hat. Einmal pro Woche fahre ich bei Ihnen vorbei und informiere danach die Angehörigen.“

Wie im Werbespot der französischen Post besucht der Briefträger die vor allem älteren Kunden, schaut ob alles in Ordnung ist, nimmt sich Zeit für eine Tasse Kaffee. Für einen wöchentlichen Besuch bezahlen Kunden 39 Euro 90 pro Monat. Je mehr Besuche, desto höher wird der Preis. Bis zu 139,90 Euro bei 6 Besuchen. In Frankreich ist es möglich, einen Teil der Kosten über die Steuererklärung rückerstattet zu bekommen.

Video [Wir im Saarland - Grenzenlos, 22.01.2018, Länge: 5:56 Min.]
Bezahlte Besuche: Eine neue Dienstleistung der französischen Post

Wenn die Kinder weit entfernt leben…

In Molsheim haben sich Danielle und Gilbert Elter für einen Kurzbesuch pro Woche entschieden. Das Ehepaar bezahlt noch den Starttarif, kann in Frankreich, die Hälfte davon aber von der Steuer absetzen. Danielle Elter hat sich aus gutem Grund für das Angebot der Post entschieden:

„Mein Sohn wohnt 200 Kilometer entfernt. Wir beide sind hier ganz alleine. Es ist einfach schön, wenn Nathalie mittwochs vorbeikommt.“

Im Preis inbegriffen sind auf Wunsch auch eine Teleassistenz und die Kontaktherstellung zu Handwerkern bei kleineren häuslichen Notfällen. Postbotin Nathalie Specht unterstützt ihre Kunden dabei gerne:

„Für mich ist das eigentlich die Fortsetzung dessen, was sich schon immer gemacht habe. Ich sehe das nicht als Dienstleistung, für mich ist das ganz natürlich, einfach normal.“

Auch ein Modell für das Saarland?

Ortswechsel: Oberthal. Edwin Backes ist seit 25 Jahren Brief- und Paketzusteller im Saarland. In Essen hatte die Deutsche Post einen ähnlichen Service vor einigen Monaten getestet, wegen zu geringer Nachfrage aber wieder eingestellt. Was hält er von solch einer Dienstleistung?

„Ich bin eigentlich dagegen. Ich fühle mich Kundschaft gegenüber schon verpflichtet. Man kennt sich und man achtet automatisch auf jemanden. Vor allem auf Ältere Menschen. Und man kuckt schon mal, wie ist es? Ist alles in Ordnung? Wie geht es der Frau? Aber da möchte ich mich nicht dafür bezahlt lassen, das gehört zu.“

Postzustellung bei Christa Manstein. Die vierfache Mutter ist mittlerweile verwitwet und lebt alleine. Die Besuche ihres Briefträgers schätzt sie. Dort bekommt Edwin Backes auch immer mal wieder eine Tasse Kaffee. Aber würde sie für den netten Plausch mit ihrem Briefträger etwas bezahlen?

„Ich würde es nicht in Anspruch nehmen. Ich habe genügend, die sich um mich kümmern, ich wohne ja alleine, mein Mann ist verstorben. Der Edwin kommt, meine Freunde kommen, die Kinder rufen jeden Tag an. Also ich bin umsorgt. Aber vielleicht für jemanden, der ganz einsam ist, könnte ich mir es vorstellen.“

Zeit zum Zuhören ist wichtig

Lothar Arnold ist Vorsitzender des Seniorenbeirates in Saarbrücken. Er hat Kontakt zu vielen älteren Menschen, kennt die Probleme von Vereinsamung und Altersarmut. Er sieht aber vor allem den finanziellen Aspekt kritisch:

„Es gibt bestimmt Menschen, die sich das leisten können, aber die sind oft auch noch flexibel und haben vielleicht auch noch eher Kontakte, als vielleicht diejenigen, die vielleicht nicht viel Geld im Monat frei haben für so eine zusätzliche Leistung. Daher bin ich eher etwas zurückhaltend, über die großen Erfolgsaussichten.“

Die Poststelle der Verdi-Gewerkschaft in Saarbrücken. Mehr Arbeit und neue Aufgaben für die Brief- und Paketzusteller, ist das französische Modell auch eine Alternative für die deutsche Seite? Es kommt auf die Rahmenbedingungen an, sagt der Geschäftsführer von Verdi für die Region Saar-Trier, Thomas Müller:

„Es muss Zeit dafür da sein. Es kann ja nicht nur ein Überwachen sein, sondern die müssen ja auch in Interaktion gehen können, mit den Menschen reden. Und deshalb brauchen Sie einfach die genügende Zeit. Auch eine Frage der Ausbildung muss geklärt werden. Es kann ja wahrscheinlich nicht jeder mit den älteren Menschen kommunizieren. Daher glaube ich, wenn die Fachweiterbildung für so etwas funktionieren würde, kann das ein guter Weg sein.“

Steigende Nachfrage in Frankreich

Natalie Specht hat für ihre Zusatztätigkeit eine kurze Ausbildung erhalten. Auf das Zuhören kommt es vor allem an, sagt sie. Das kann man nicht lernen. 64 Kunden haben bisher im Elsass das neue Angebot der französischen Post abonniert, in ganz Frankreich sind es rund 3000. Nathalie Specht kann sich den neuen Dienst der französischen Post auch für sich selbst vorstellen: „Mein Sohn lebt in Deutschland, ich wäre sehr froh, wenn im Alter bei mir der Postbote nach dem Rechten schauen würde. Für mich wäre das Angebot eine Alternative.“ 

Eine Dienstleitung, die Danielle und Gilbert Elter auch weiterhin bezahlen wollen. Sie warten schon auf den nächsten bezahlten Besuch ihrer Briefträgerin.

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