Eingang der Mine Thil (Foto: SR)

Tragische Vergangenheit: Die vergessene Mine in Thil

Mitten im kleinen Ort Thil im Grenzgebiet zwischen Frankreich und Luxemburg befindet sich der Eingang zu einer stillgelegten Erzmine. Im Zweiten Weltkrieg sollten hier 200 V1-Raketenbomben pro Tag gebaut werden. Zwar hat keine einzige die Fabrik verlassen, dennoch forderte die Mine Menschenleben - Zwangsarbeiter, die ihre Stollen ausbauen mussten. Danach war das Bergwerk lange Zeit verschlossen. Jetzt engagiert sich ein Verein dafür, dass seine Geschichte nicht in Vergessenheit gerät.

Daniel Pascollini und Alain Fioritti vom Verein zur Erforschung der Industriegeschichte auf Spurensuche. Mitten im Wald – irgendwo bei Thil – klafft seit mehr als siebzig Jahren ein gewaltiges Loch. Achtzig Meter tief – einmal gedacht als Schacht für einen Aufzug.

Video [Wir im Saarland - Grenzenlos, 11.12.2017, Länge: 5:57 Min.]
Tragische Vergangenheit: Die vergessene Mine in Thil

Ein Aufzug, der aus der Mine in Thil die fliegenden Bomben der deutschen Luftwaffe – die V 1 – zu ihren Abschussrampen bringen sollte. In der Mine wurden 1944 Teile für diese sogenannte „Vergeltungs-Waffe“ gebaut. Der Zugang zu den Resten des Aufzugsschachts ist heute verschüttet.

Nachdem die Versuchsanlage der Luftwaffe in Peenemünde bombardiert worden war, verlagerte man die Produktion in unterirdische Anlagen. Unter anderem in die Mine in Thil. Zweihundert V1-Raketenbomben sollten hier pro Tag gebaut werden. Aber keine einzige hat die Fabrik verlassen. Im Herbst 1944 standen die Alliierten vor Thil. Die Deutschen flüchteten.

Statt Erz zu fördern, sollten Zwangsarbeiter Bomben bauen

Die Wunderwaffe konnte keinen Schaden mehr anrichten. Hatte aber bis dahin schon viele Menschen das Leben gekostet – Zwangsarbeiter, die die Mine in Thil ausbauen mussten. Unter deutschen Ingenieuren und mit deutschen Maschinen wie dieser Betonmischmaschine. Alain Fioritti und Daniel Pascollini und ihr Verein wollen die Zeugnisse dieser Zeit erhalten.

Zwangsarbeiterinnen aus Osteuropa mussten die Stollen vergrößern. Unter menschenunwürdigen Bedingungen. Es gab erschütternde Geschichten.    Beim Anblick einer Madonna in einer Glasflasche erzählt Daniel Pascollini die Geschichte einer jungen Zwangsarbeiterin:

„Sie hatte Hunger. Und bat einen Mann aus dem Ort: ‚Sie geben mir zwei Scheiben Brot – dafür trenne ich mich von dieser kleinen Flasche, vor der ich täglich bete.‘ Sie haben getauscht. Monsieur Frisch besorgte Brot und die Frau gab ihm die Flasche. Es war eine Polin.“

Beim Ausbau der Mine kam es zu einer Tragödie

In Zwölf-Stunden-Schichten arbeiteten hier mehr als achthundert Zwangsarbeiter. Bei der Erkundung der Mine treffen die beiden Vereinsmitglieder irgendwann auf eine Betonwand, die erst 1944 hochgezogen wurde. Dahinter hat sich die größte Tragödie der Mine abgespielt, berichtet Daniel Pascollini:

“Die Gefangenen haben in vier oder fünf Metern Höhe die Decke des Stollens erweitert. Es waren Frauen, die offenbar spezialisiert waren auf diese Arbeit. Die Gänge mussten erweitert werden damit die Waggons mit den V1 hineinpassten. Und dann ist die Decke eingestürzt. Und hat 27 Frauen, Russinnen und Polinnen, unter sich begraben. Sie liegen immer noch da.“

Die Überreste der Opfer sollen nicht geborgen werden

Hinter der Wand – ein Schuttberg mit kleinen Holzkreuzen. Darunter die Überreste der Opfer. Ihre Namen sind bekannt. Warum sie dennoch immer noch hier liegen, erklärt Daniel Pascollini vom Verein „Association d’histoire industrielle de Hussigny-Godbrange“:

„Warum wir hier nicht graben? Und die Überreste bergen, um sie möglicherweise in ihre Heimat zu überführen? Die Familien wollen das nicht. Sie sagen: Wir lassen sie hier mit ihren Schicksalsgenossinnen. Aus Respekt.“

Viele Details aus der Geschichte der Mine haben Augenzeugen berichtet. Anderes hat der Verein in Archiven entdeckt. Die Geschichte der Zwangsarbeiterinnen soll nicht vergessen werden. Aber über Jahrzehnte war die Mine mitten im Ort zugemauert, das Interesse gering.

Auch die frühere Außenstelle des KZ Natzweiler-Struthof am Ortsrand von Thil kennen nur wenige. Hier waren die Zwangsarbeiter untergebracht. Daniel und Alain suchen weiter nach Spuren. Sie finden Fundamente der Abschussrampen für die V1. Die vorgesehenen Ziele: Paris und Lüttich. Die Geschichte hat anders entschieden.

Kontakt zum Verein:

Association d’histoire industrielle de Hussigny-Godbrange (AHI)

Adresse: Mairie de Hussigny, 1 rue Foch, 54590 Hussigny
Telefon: 03 82 44 40 16
Internet: www.mine-hussigny.fr
Besichtigungen sind nur nach Anmeldung möglich.

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