Tour de Kultur: Der wundersame Wiederaufbau eines lothringischen Dorfes

Inschrift über der Kirche von Vitrimont (Foto: SR)

Vitrimont ist ein beschauliches und eher unscheinbares Dorf in der Nähe von Nancy. Alles ganz normal. Erst beim zweiten Hinschauen fallen Merkwürdigkeiten auf. Denn Vitrimont gehörte zu den ersten Orten, die im 1. Weltkrieg zerstört wurden. Und es war der allererste in Frankreich, der wieder aufgebaut wurde – noch während des Krieges und mit Hilfe der kalifornischen High Society. Michael Schneider hat sich auf Spurensuche begeben.

Ein ländliches Idyll – die Landschaft zwischen Lunéville und Nancy. Erst auf den zweiten Blick fällt auf: Hier auf dem Léomont, der höchsten Erhebung der Region, war es nicht immer so friedlich. Unser Reporter Michael Schneider entdeckt zwischen grasenden Kühen und bunten Wiesenblumen versteckt ein Kriegsdenkmal:

„Genau hier, wo ich jetzt stehe – da verlief im September 1914 die Westfront. Zwar nur für zehn Tage. Aber in dieser Zeit hat das Gebiet acht Mal den Besitzer gewechselt. Mittendrin das kleine Dörfchen Vitrimont – und da hat der Krieg heftige Spuren hinterlassen.“

„Alle Häuser zusammengestürzt“

Im Herbst 1914 lag Vitrimont in Schutt und Asche. Die Häuser – nur noch Gerippe. Eine Offensive nach der anderen war über das Land gezogen und hatte es umgepflügt. Als der Krieg weiter gezogen war, fanden die Bewohner nur noch Zerstörung vor. Wenn man genau hinschaut, findet man heute noch die Spuren. Régis Latouche von der Universität Nancy hat sich über Jahre mit der Kriegsgeschichte der Region beschäftigt. Er beschreibt, wie es hier damals aussah:

„Alle Häuser sind in sich zusammengestürzt. Überall liegen Mauerreste, überall Schutt. Und natürlich auch Kadaver – Tiere und Menschen. Dazwischen Metallschrott. Von den Granaten, von Militärgerät, aber auch landwirtschaftliche Gerätschaften, von den Granaten völlig zerfetzt.“ 

Hilfe aus Kalifornien

Dorfrundgang mit Régis Latouche. Heute ist Vitrimont wieder ein schläfriger, friedlicher Ort – typisch Lothringisch. Die Häuser stehen wieder, auf den ersten Blick betrachtet originalgetreu rekonstruiert. Dass das möglich war, verdanken die Einwohner engagierter Hilfe aus Übersee, erklärt Régis Latouche:

Video [Wir im Saarland - Grenzenlos, 11.09.2017, Länge: 05:49 Min.]
Tour de Kultur: Der wundersame Wiederaufbau eines lothringischen Dorfes

„Dieses Bild – Kinder, alte Menschen, junge Leute, die in ihre Ruinen zurückkehren – das hat vor allem die Amerikaner sehr bewegt. Und auf der anderen Seite des Atlantiks gründeten sich damals Hilfsorganisationen. Sie wollten diesen Kriegsflüchtlingen vor Ort helfen. Und mit ihnen gemeinsam das Dorf wieder aufbauen.“

Es sind die Frauen, die sich damals ganz besonders einsetzen. Mittendrin eine junge Kalifornierin: Daisy Polk. Ihr wurde der Wiederaufbau anvertraut. Im Dorf gilt sie bis heute als Heldin – das Rathaus erinnert mit einer kleinen Ausstellung an die bewegten Kriegsjahre. Es war eine Mammutaufgabe: Aus Ruinen wieder stattliche Bauernhäuser zu machen, und das noch während der Kriegsjahre. Daisy Polk und ihre Mitstreiter haben hier ganze Arbeit geleistet. „Tour de Kultur“-Reporter Michael Schneider betrachtet eingehend die Fassade des Rathauses:

„In nur zwei Jahren hatten die Amerikaner dem Ort Vitrimont sein altes Gesicht wieder zurückgegeben. Wobei – so ganz original ist das alles nicht.“

Régis Latouche streicht mit der Hand über die Hausfassade und nickt:

„Das ist schon ziemlich weit vom Originalzustand entfernt. Man hat damals zum Teil einfach die Mauerreste der Gebäude verwendet, sie einfach neu zugeschnitten. Einige Steine wurden auch importiert. Und dann: Sehr, sehr viel Beton. Das sieht man ja auch hier am Rathaus.“

Neubau direkt hinter der Front

Alles, was es an Baumaterial gerade gab, wurde herbeigeschafft. Wählerisch konnten die Aufbauhelfer nicht sein. Denn immerhin tobte nur wenige Kilometer entfernt immer noch der Krieg, berichtet Régis Latouche:

„Natürlich hörte man die Schlacht von Verdun bis hierhin. Die hat man ja bis Nancy gehört. Hier herrschte eigentlich ununterbrochen der Gefechtslärm von Verdun.“ 

Und trotzdem: Die Amerikanerinnen organisierten für den Wiederaufbau von Vitrimont sogar Lastwagen, die aus Verdun abgezogen wurden. Bis heute erinnern Straßennamen überall in Vitrimont an diesen Einsatz. Und im Dorfzentrum: Die wiederaufgebaute Kirche aus dem 15. Jahrhundert. Über dem Holzportal entdeckt Michael Schneider das Wort „Hope“ geschnitzt – Englisch für „Hoffnung“:

„Übrigens hat nicht nur Daisy Polk dem Ort Vitrimont Glück gebracht – sondern der Ort wohl auch ihr. Denn, so erzählt man sich das hier: Ein Jahr später hat sie hier einen französischen General kennengelernt. Und vor genau hundert Jahren haben sie in der frisch restaurierten Kirche geheiratet. Mitten im Krieg. Das ist doch mal ein schönes Zeichen der Hoffnung!“

Weitere Informationen

Rathaus von Nancy
12 rue Californie
54300 VITRIMONT
Telefon: +33 3 83 74 17 67

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