Fotografie von Joël Couchouron (Foto: SR)

Bilder der Faszination: Ein Fotograf und die Bergbauern der Vogesen

Die Bergbauern der Vogesen, ihr Leben und ihre harte Arbeit sind das große Thema des Fotografen Joël Couchouron. 1975 hat er seine Dokumentation begonnen – die Fotos von damals sehen aber aus, als wären sie um die Jahrhundertwende entstanden, so wenig hatten sich die alten Handwerke auf den abgelegenen Höfen verändert. Doch bald wird genau davon nichts mehr übrig sein. Joël Couchouron hat die Menschen und ihre Fertigkeiten in mehreren Fotobüchern dokumentiert – respektvoll, ungeschönt und berührend. Stephanie Prochnow hat ihn getroffen.

Momente des Alltags, festgehalten von Joël Couchouron. Der Fotograf ist zu Besuch beim Bauern Pierre Didier, dessen Familie seit fünf Generationen  Holz bearbeitet. Der Vater hatte noch eine Wasserturbine –  sonst hat sich nichts verändert, erzählt Joël Couchouron. Seit 1975 dokumentiert er das Leben der Bergbauern:

„Das muss Instinkt gewesen sein. Diese Leute, die so bescheiden bei sich zu Hause arbeiten, zogen mich an. Die alles selber machen können. Ich war bei Holzschuhmachern, bei Holzrückern, allen, die bereit waren und Zeit hatten zu erzählen. Ich sah sie durch meine Linse und fand es schön.“

Zunächst von Kollegen belächelt

Video [Wir im Saarland - Grenzenlos, 11.09.2017, Länge: 05:00 Min.]
Bilder der Faszination: Ein Fotograf und die Bergbauern der Vogesen

Im Dorf Sapois, aus dem Joël Couchouron stammt, betreibt er seit 1980 sein Geschäft. Anfangs belächelt von anderen Berufsfotografen: Wie sollte man mit Fotos von Bauern schon Geld verdienen? Manche Kunden glauben, dass er alte Postkarten reproduziert. Schließlich sehen viele Bilder so aus, als wären sie viel älter. Joël Couchouron lächelt:

„Ich bin schon gefragt worden, ob dieser Couchouron schon lange tot ist – ich habe gesagt: Nein, ich bin immer noch da. In den 80er Jahren kannte ich mindestens zehn Bauern mit Ochsen-Gespann. Sie waren leicht zu finden; ich konnte sie oft fotografieren. Seit den 90er Jahren und in den 2000ern sind sie dann nach und nach verschwunden.“

Zehn Bücher hat Joël Couchouron veröffentlicht. Das letzte vor drei Jahren. Doch mittlerweile, sagt er, neige sich seine Arbeit allmählich dem Ende zu.

Erinnerung an fast vergangene Zeiten

Viele der von ihm Porträtierten, sind inzwischen verstorben. Der Fotograf erinnert sich beispielsweise noch gut an Lea:

„Lea war eine Dame, die irgendwo in der Einsamkeit oben bei Rupt-sur-Mosellelebte. Man musste zwei Kilometer zu Fuß laufen, um zu ihr zu kommen. Die alte Frau hatte immer diesen kleinen Hund zwischen ihren Beinen, deshalb konnte man sich ihr nicht nähern. Im Haus gab es keine Elektrizität. Sie lebte sehr einfach. Ihr Leben war typisch für die Bauern, die ich getroffen habe. Eine besondere Lebensweise – friedlich, an einem wunderschönen Ort.“

Altes Handwerk – einfaches Leben

Ein Abstecher zu Michel Parmentier, der das Heu für seine sechs Rinder einbringt. Seine Wiesen liegen an Hängen und auf sumpfigen Grund – uninteressant für die meisten Bauern, da nicht mit dem Traktor zugänglich. Die Arbeit sei unrentabel, bedeute für ihn aber Vergnügen und Freiheit, sagt Michel:

„Wir haben nichts verändert. Das Material schon ein wenig. Aber die Arbeitsweise ist die gleiche wie früher: Kartoffeln werden mit dem Pferd gesetzt, angehäufelt, gejätet und geerntet. Im Wald ist es das Gleiche. Den Wald hat man zu respektieren.“

Michel lebt hauptsächlich vom Holzverkauf - ein genügsames Leben. Einen Nachfolger hat er nicht – wie die meisten.

Michel: „Sehen sie einen Jungen hier? Ich hätte gerne einen.“
Joël: „Simon hat einen Nachfolger – kennst du den?“Michel: „Ja, das ist einer.“
Joël: „Ich kenne auch nicht Dutzende.“
Michel: „Sicher nicht. Ich hätte gerne einen Jungen von sagen wir 15 Jahren, der mir hilft. Ich bin mit sieben auf die Wiesen gegangen. Das ganze Leben habe ich dort zugebracht.“

Ein Leben mit und von der Natur. Komplett autonom – mit sonst selten gewordenem „savoire faire“ um die benötigten Werkzeuge herzustellen. Wie viele Generationen zuvor.

Den Augenblick einfangen

Für sein letztes Buch hat Joël Couchouron noch einmal alte Bekannte porträtiert. Auch seinen Freund Jeannot, den er seit Jahrzehnten begleitet. Mittlerweile immer öfter auch ohne Kamera, um ihm bei der Arbeit zu helfen. Es geht darum, sich Zeit zu nehmen, um Momente des Teilens. Augenblicke, die der Fotograf mit den Menschen verbringt und die er manchmal festhält.

Joël: „Du hast nie ein Auto gehabt. Kein Telefon.“
Jeannot: „Nein – es gibt nicht mehr viele, die kein Telefon haben?“
Joël: „Stimmt. Das ist auch wirklich unpraktisch.“
Jeannot: „Mich stört es nicht.“
Joël: „Manchmal würde ich dich gerne anrufen, um zu fragen, ob du am Nachmittag in den Wald gehst. Das wäre praktischer.“

Bilder, die bleiben

„Ich bedauere, dass ich manche wunderbaren Momente nicht eingefangen habe – weil ich den Fotoapparat nicht dabei hatte oder keine Zeit hatte. Es sind so viele interessante Persönlichkeiten verstorben, von denen ich keine Bilder gemacht habe. Das hat mich manchmal bedrückt. Aber das ist keine Nostalgie.“

Keine Nostalgie, auch wenn die Welt, die er dokumentiert hat, fast verschwunden ist. Schließlich, sagt Joël Couchouron, habe er etwas gemacht, das bleibt.

Adresse

Joël Couchouron
17 Grande Rue
88120 Sapois
Telefon : 0033 (0)3 29 24 82 80
E-Mail: contact@joel-couchouron.com
Internet: www.joel-couchouron.com

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