Museum Herxheim (Foto: Michael Schneider)

Tour de Kultur: Auf den Spuren eines mysteriösen Massakers in Herxheim

Im beschaulichen Weinort Herxheim in der Pfalz hat man 500 Skelette ausgegraben: Steinzeitmenschen, die wohl keines natürlichen Todes gestorben sind. Im Museum des Ortes kann man sich auf die Suche nach Antworten zu diesem geheimnisvollen Kriminalfall machen. Und nacherleben, wie der Alltag in der Jungsteinzeit aussah, zum Beispiel beim Steinzeitbrotbacken.

Fachwerkhäuser, Rosen an den Gartenzäunen, Weinreben über den Eingängen. Reporter Michael Schneider ist unterwegs in Herxheim, in der Pfalz:

„Auf den ersten Blick ein beschaulicher Ort umgeben von Weinbergen, mit beschaulichen kleinen Häuschen und Höfen. Auf den ersten Blick. Denn tief unter der Erde schlummert das Grauen. In Herxheim soll sich einer der merkwürdigsten Kriminalfälle der Geschichte ereignet haben.“

Video [Wir im Saarland - Grenzenlos, 15.05.2017, Länge: 5:22 Min.]
Tour de Kultur: Auf den Spuren eines mysteriösen Massakers in Herxheim

500 Skelette aus der Steinzeit

Die Spuren davon finden sich heute in einem kleinen Museum im Ortszentrum. Um zu verstehen, was hier vor über 7000 Jahren geschehen ist, muss man tief in die Unterwelt abtauchen, in den Keller des Museums. Unten finden sich die Überreste eines geheimnisvollen Massakers. Über 500 Skelette wurden in Herxheim seit den Neunziger Jahren ausgegraben – und die Steinzeitmenschen sind wohl keines natürlichen Todes gestorben. Unser Reporter trifft den Museumsleiter Alexander Gramsch und fragt ihn:

„Wie ist das denn passiert?“

„Wenn wir das so genau wüssten, wären wir alle glücklicher. Also was wir sicher sagen können ist, dass abweichend von dem, wie Tote in der Zeit normalerweise bestattet wurden, hier die Körper der Toten in Einzelteile zerlegt wurden. Das ist absolut ungewöhnlich.“

Und nicht nur zerlegt, sondern zum Teil auch sauber abgeschabt, oder mit Brandspuren an Schädelknochen. Hinweise auf ein blutiges Ritual oder sogar Kannibalismus?

Grusel und Geheimnisse?

Klar ist: Die Urzeitbewohner dieser Gegend waren fortschrittliche Bandkeramiker – eine frühe Hochkultur in Europa. Doch es gibt Hinweise, dass die Opfer des seltsamen Kultes zu weniger entwickelten Stämmen gehörten. Alexander Gramsch weiß noch mehr:

„Das dürften Fremde in dem Sinne gewesen sein, dass sie nicht hier in Herxheim geboren und groß geworden sind. Die sich entweder freiwillig gemeldet haben: Ich möchte dabei sein bei diesem seltsamen neuen Ritual, das es nur hier in Herxheim gab. Oder es hat Spannungen zwischen verschiedenen Gruppen gegeben und man hat Gefangene genommen.“

Stoff für Schauergeschichten – und weltweite Schlagzeilen. Die ein wenig schmeichelhaftes Bild von den Urpfälzern an der Weinstraße zeichnen.

Steinzeitalltag ausprobieren

Nach so viel Grausamkeit muss Michael Schneider erst mal an die frische Luft, raus in den sonnigen Garten hinter dem Museum:

„Steinzeit in Herxheim, das ist eben nicht nur Mord und Totschlag. Das ist auch kulturelles Erbe, auf das man hier sehr stolz ist. Und das auch immer wieder mit Leben gefüllt wird. Zum Beispiel beim gemeinsamen Steinzeitbrotbacken. Natürlich nach originalem Rezept und mit originalen Zutaten.“

Die müssen erstmal mühevoll gemahlen werden – eine Schulklasse versucht sich im Herstellen von Mehl: Körner zwischen zwei Steinen zerreiben. Die Kinder haben den Bogen deutlich schneller raus, als unser Reporter.

Brotbacken und Kräuter sammeln

Nebenan durchforstet Experimentalarchäologin Anne Reichert den Steinzeitgarten nach Essbarem. Und zeigt den Schülern: Verhungern mussten auch unsere frühen Vorfahren nicht:

„Auf dem Speiseplan der Steinzeitmenschen stand alles, was die Natur bietet. Die Steinzeitmenschen wussten, was es in der Natur so gab, welche Kräuter man essen konnte. Was an Beeren essbar war. Man hat seit der Jungsteinzeit auch Getreide angebaut, also Emmer und Einkorn und Hafer. Man hat Tiere gezüchtet. Man hat alles benutzt, was die Natur bietet.“

Das Brot ist mittlerweile bereit für den Ofen. Und auch der ist originalgetreu nachgebaut.

„Mit den Händen machen und begreifen“

Ausprobieren, selber machen, genau beobachten, das ist das Konzept im Museum. Und dabei soll etwas hängen bleiben. Das ist Experimentalarchäologin Anne Reichert wichtig:

„Ich erhoffe mir ein bisschen dieses Begreifen, mit den Händen etwas machen. Nicht nur verstehen, kapieren, sondern begreifen. Das kommt ursprünglich daher: Wir müssen es mit den Händen machen, arbeiten. Ich versuche, Leute aufmerksam zu machen. Nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene. Guckt mal euch um – was gibt es so? Was kann man machen?“

Zeitreise mit allen Sinnen – das kommt immer wieder gut an bei den Besuchern. Gerade auch bei den jüngeren. Und auch Tour de Kultur-Reporter Michael Schneider hat das Steinzeit-Fieber gepackt:

„Welche Kulturtechniken es schon gab vor 7000 Jahren, wie die Menschen gelebt haben, wie der Alltag aussah in der Jungsteinzeit, das ist schon echt faszinierend. Und trotzdem: Wenn man hier in Herxheim in die Geschichte eintaucht, dann gehören ein bisschen Grusel und Gänsehaut auch dazu.“

Adresse:

Museum Herxheim
Untere Hauptstr. 153
76863 Herxheim

Telefon: 07276/ 50 24 77
Mobil: 0176/ 79 40 527
E-Mail: gramsch@museum-herxheim.de
Internet: www.museum-herxheim.de

Dort finden Sie auch weitere Informationen zu den Steinzeit-Workshops für Kinder und Erwachsene.

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