historisches Telefon (Foto: SR)

Wählen und klingeln: Tour de Kultur im Deutschen Telefonmuseum in Morbach

Mitten in dem kleinen Ort Morbach im Hunsrück steht eine rote Telefonzelle aus England. Kein Wunder, denn das Dorf beheimatet das Deutsche Telefonmuseum mit über 2500 unterschiedlichen Apparaten. Siegfried Warth und seine Frau haben die Telefone gesammelt. Alle Münzfernsprecher, Grubentelefone und Designerstücke sind noch voll funktionsfähig – denn Siegfried Warth repariert und wartet die Telefone selbst.

Die erste Entdeckung von Reporter Michael Schneider im Ortszentrum: Eine rote, englische Telefonzelle:

"Nein, wir sind nicht in England. Sondern im Hunsrück, genauer gesagt: In Morbach. Einem Ort, der sich voll und ganz den Telefonen verschrieben hat. Und damit meine ich nicht diesen modernen Schnickschnack, sondern: Hier geht es wirklich um die schönen, alten Schmuckstücke. Und davon steht hier nicht nur eins, sondern jede Menge."

Video [Wir im Saarland - Grenzenlos, 03.04.2017, Länge: 5:53 Min.]
Wählen und klingeln: Tour de Kultur im Deutschen Telefonmuseum in Morbach

Wie benutzt man eine Wählscheibe?

Über 780 verschiedene Modelle sind hier versammelt – im Deutschen Telefonmuseum am Ortsrand. Apparate eines vordigitalen Zeitalters. Eine private Kollektion. Inzwischen ist sie öffentlich zugänglich. Während der eine oder andere ältere Mensch mit Smartphones überfordert ist, beobachtet die Hausherrin, Simone Warth, hier das umgekehrte Phänomen:

"Kinder kennen das nicht mehr, auch Jugendliche kennen das nicht mehr. Wir haben hier zum Beispiel 16-, 17-jährige drin gehabt. Die haben dann mit der Wählscheibe überhaupt nichts mehr anfangen können. Und haben dann, statt die Wählscheibe zu ziehen, in die Löcher reingedrückt. Und wir haben auch Seniorengruppen hier drin, die sind wirklich unwahrscheinlich begeistert. Weil sie auch noch Apparate kennen von früher."

"Frauenfeindliches Telefon"

Massenware, wie sie früher auf jedem Telefontischchen stand. Aber auch Sonderanfertigungen der Deutschen Post – für den etwas ausgefallenen Geschmack. All das findet sich in acht Ausstellungsräumen. Skurrile Apparate – mit eigener Geschichte. Simone Warth führt unserem Reporter eines davon vor:

"Hier befindet sich der frauenfeindlichste Apparat, den es je gegeben hat. Da brechen den Damen gerne die Fingernägel ab, und die Damen haben auch dünnere Finger als die Herren. Dadurch kommen wir immer tiefer an den Anschlag, und dadurch gibt’s Falschwahl."

"Eine Fehlentwicklung das Ganze?"

"Kann man so sagen. Es war kaum auf dem Markt."

Liebevolle Reparaturarbeit

Alte Technik – hautnah zum Anfassen. Hinter Glas ist hier nichts, es darf gern getestet werden. Das lässt sich Reporter Michael Schneider nicht zweimal sagen:

"Man darf hier wirklich nach Herzenslust ausprobieren und Rumstecken an den ganzen Telefonanlagen und Telefonen in der Ausstellung. Die übrigens alle in den letzten 120 Jahren irgendwo in Deutschland im Einsatz waren. Und es gibt noch eine Besonderheit: Sie funktionieren alle noch!"

Dahinter steckt liebevolle Detailarbeit. Siegfried Warth führt unseren Tour de Kultur-Reporter in sein geheimes Reich. Wahre Schätze schlummern hier. Fast 2000 alte Telefone warten noch darauf, aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt zu werden. Das ist viel Aufwand, berichtet Siegfried Warth:

"So ein Gerät verursacht schon mehrere Tage Arbeit. Zumal hier ein Unterteil fehlt, das nachkonstruiert werden muss, wenn man es nicht bekommt. Hier fehlt ein Knopf. Auch bei den Innereien fehlen verschiedene Sachen. Und am Handapparat sieht man ganz deutlich fehlen auch Teile. Aber es lohnt sich eben, Es handelt sich hierbei um ein Lorenz-Gerät – etwa 1910 – ein Reihenapparat, der auch relativ selten ist."

Wissen soll nicht verloren gehen

Auch die Anlagen brauchen viel Pflege und Zuneigung – damit die Verbindungen im Museum störungsfrei zustande kommen. Denn alle Apparate sind an ein gemeinsames Netz angeschlossen. Siegfried Warth hat noch bei der Post gelernt, wie man solche Telefonsysteme richtig zusammenstöpselt – doch das ist aussterbendes Wissen. Deshalb beugt er lieber vor:

"Ich achte darauf, dass meine Kinder – vor allem mein jüngerer Sohn, sich mit den Anlagen mittlerweile auskennt. Im Moment ist er noch nicht so weit, dass er ad hoc weiß, aus einem Erfahrungsschatz heraus, dass er weiß: Das und das ist kaputt. Das muss Jahre dauern, das muss wachsen. Im Moment sieht es so aus, dass es in Deutschland noch eine Handvoll Leute gibt, die sich mit der Technik, wie sie hinter mir ist, auskennen. Und an diesen Anlagen etwas bewerkstelligen können."

Nostalgie-Reise

Das Telefonmuseum wird trotzdem überleben, glaubt er. Dafür steckt hier einfach zu viel Liebe und Sorgfalt drin. Und zu viele schöne Erinnerungen, zum Beispiel an die alten Münzfernsprecher. Michael Schneider versucht es mit Euromünzen:

"Ja, das Problem kennt irgendwie auch noch jeder: Man hat einfach nicht das passende Kleingeld für die Telefonzelle. Ein richtiger Nostalgietrip. Und genau ist ja ein Besuch hier im Deutschen Telefonmuseum: Eine Reise in eine Zeit, die solange noch gar nicht zurückliegt."

Adresse:

Jugendherbergstraße 25
54497 Morbach
Telefon: 0 65 33 - 95 86 26
Fax: 0 65 33 - 95 86 27
E-Mail: siegfried-warth@deutsches-telefon-museum.de
Internet: www.deutsches-telefon-museum.de

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