Festivaltagebuch: Kino und der Glaube an die Kraft der Veränderung

Reingart Sauppe   24.01.2014 | 07:00 Uhr

Ja, es gibt sie sogar im Kino! Die wirklich guten Lehrer: Pädagogen, die eine respektvolle Distanz zu ihren Schülern bewahren und ihnen doch mit Empathie begegnen. Reingart Sauppe erklärt, wo man sie beim Ophüls-Festival findet.

Ja, es gibt sie sogar im Kino! Die wirklich guten Lehrer: Pädagogen, die eine respektvolle Distanz zu ihren Schülern wahren und ihnen doch mit Empathie begegnen. Lehrer, die im Gedächtnis bleiben, weil sie an entscheidenden Weichenstellungen beim Heranwachsen nicht locker lassen und dazu beitragen, dass junge Menschen über sich selbst hinauswachsen. Lehrer,die ihren Beruf lieben und keinen anderen haben möchten. 2003 z.B. gewann der frz. Dokumentarfilm „Sein und Haben“ über eine Zwergschule und ihren Lehrer  in  einem Kaff in der Auvergne den Europäischen Dokumentarfilmpreis, ein Jahr später waren es Monsieur Mathieu und seine Kinder, die mehr als acht Millionen Zuschauer fesselten und sogar eine Oscarnominierung erhielten.

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Die Abschlussarbeit der jungen Schweizer Absolventin der Zürcher Filmhochschule Anna Thommen könnte sich in diese Reihe  beliebter Lehrerfilme einreihen: Die Regisseurin begleitete für ihren Dokumentarfilm „Neuland“ zwei Jahre lang eine Integrationsklasse für junge Asylbewerber an einer Schule in Basel. Nazlije,Ehsanullah und ihre Mitschüler kommen aus Afghanistan, Serbien oder Kamerun und müssen in diesen zwei Jahren lernen, wofür Jugendliche normalerweise eine Kindheit lang Zeit haben: Eine fremde Sprache sprechen, lesen,schreiben,rechnen, Bewerbungen schreiben,eine Lehrstelle finden und auch noch Schwyzerdytsch verstehen.

Wie es ihrem Lehrer, dem Pädagogen Christian Zingg mit wahrlich Schweizer Bedächtigkeit und Beharrungsvermögen gelingt,bei seinen zutiefst verunsicherten und einsamen Schülern den Glauben an sich selbst  wachsen zu lassen, hat im Cinestar das Festivalpublikum zu Tränen gerührt. „Sie sind ein Held!“, rief eine Zuschauerin nach der Vorstellung dem real anwesenden Herrn Zingg zu. Ein Leinwandheld mit Scheitelfrisur und biederem Karohemd. Hollywoods Maßstäbe gelten im Dokumentarfilm glücklicherweise nicht.

Flüchtlingsgeschichten sind immer existentielle Geschichten und können, wenn sie gut ausgehen, unseren Glauben an die Kraft der Veränderung stärken. Wo dieser Glaube ganz und gar fehlt, herrscht Stillstand und Tristesse: Wie etwa in dem Westerwald-Kaff Emmerichenhain. Janina Jung portraitierte ebenfalls als Abschlussarbeit ihr Heimatdorf: Eine Bundesstraße-Tankstellen-Resopalödnis,die selbst bei den üblichen Bratwurst-Bier oder Kaffe-Kuchen-Festen eine kalte Leere spüren lässt.

Es sollte ein Film über Heimat und Entfremdung werden,über verlorengegangenes Gemeinschaftsgefühl und Vereinzelungstendenzen in einem Provinznest. Die Dokumentation lässt den gerade frisch gestärkten Glauben an die Kraft der Veränderung wieder schwinden. Die Alten jammern  rückwärtsgewand und zum Teil mit reaktionärem Eifer über Zugezogene,die nicht genauso sind wie sie. Die Dorfjugend betrinkt sich und jammert ebenfalls: Darüber, dass es keine Kneipe im Dorf gibt. Interesse an den Neubürgern aus der Türkei, Pakistan oder Kasachstan hat hier niemand.

Einen Standpunkt oder eine Meinung hat die Regisseurin irgendwie auch nicht. Es ist wie es ist. Jedenfalls im Westerwald. Emmerichenhain aber könnte überall in Deutschland sein. Immerhin: Auch Lehrer wie Christian Zingg gibt es nicht nur in Basel. Nur: Wo werden die Nazlijes und Ehsanullahs in der Fremde eine Heimat finden, wenn der Wille zur Integration so einseitig verteilt ist? Zwei Filme, die unterschiedlicher nicht sein können. Hätte ich nur einen von beiden gesehen, ich wäre entweder zu überschwänglich oder zu deprimiert aus dem Kino gegangen…

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